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Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey

Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 1. Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey Katharina Mahne, Julia K. Wolff , Julia Simonson & Clemens Tesch- Römer Der demografi sche und soziale Wandel führt zu rung auf. Weil immer mehr Menschen das hohe weitreichenden Veränderungen in Deutschland. und sehr hohe Alter erleben, sind auch mehr Eine ‚Gesellschaft des langen Lebens‘, wie sie Menschen von Mehrfacherkrankungen oder sich in Deutschland in den letzten Jahrzehnten Pfl egebedürft igkeit betroff en. Dies stellt Politik entwickelt hat, ist ein großer Erfolg. Seit Mit- und Gesellschaft in Deutschland vor die Her- te des 20. Jahrhunderts erleben immer mehr ausforderung, soziale Teilhabe und Integration Menschen ein höheres und sogar sehr hohes für die verschiedenen gesellschaft lichen Grup- Lebensalter. Dieser Wandel bringt eine Vielzahl pen gleichermaßen zu gewährleisten. von Chancen für Individuen und Gesellschaft Im vorliegenden Buch werden Befunde des mit sich. Durch eine verbesserte Gesundheit Deutschen Alterssurveys aus dem Jahr 2014 und durch die länger werdende nachberufl iche vorgestellt, einer seit 1996 durchgeführten re- Lebensphase ist es vielen Menschen in Deutsch- präsentativen Befragung von Menschen in der land möglich, ein gutes Leben im Alter zu füh- zweiten Lebenshälft e in Deutschland. Im vorlie- ren und dabei ihre Lebensumstände bis ins hohe genden Einführungskapitel stellen wir zunächst Alter aktiv mitzugestalten. den Deutschen Alterssurvey vor und diskutie- Allerdings sind neben diesen Chancen auch ren Integration und Teilhabe als übergeordnete individuelle und gesellschaft liche Herausforde- Ziele der Alternspolitik. Wir beschreiben den rungen zu nennen: Das veränderte Verhältnis sozialen Wandel, der Lebenssituationen in der von Alten zu Jungen – mehr älteren Menschen zweiten Lebenshälft e mitbestimmt und stellen stehen weniger junge Menschen gegenüber – abschließend Faktoren dar, anhand derer sich wirft neue Fragen hinsichtlich der Finanzierung Vielfalt und Ungleichheit in der zweiten Lebens- von Renten-, Gesundheits- und Pfl egeversiche- hälft e beschreiben und verstehen lassen. 1.1 Der Deutsche Alterssurvey (DEAS) Um die Chancen des demografi schen Wandels zum Th ema Alter und Altern in Deutschland nutzen und die mit diesem Wandel verbun- und wird seit Mitte der 1990er Jahre aus Mitteln denen Herausforderungen gezielt angehen zu des Bundesministeriums für Familie, Senioren, können, sind umfassende und gesicherte wis- Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert. Er senschaft liche Erkenntnisse zu Alter und Altern stellt die zentrale Informationsgrundlage für notwendig. Der Deutsche Alterssurvey (DEAS) politische Entscheidungsträgerinnen und Ent- bietet diese Erkenntnisgrundlage. Seit nunmehr scheidungsträger, aber auch für die interessierte fast zwei Jahrzehnten lassen sich die Lebenssitu- Öff entlichkeit und für die wissenschaft liche For- ationen von Menschen in der zweiten Lebens- schung dar. hälft e mit Hilfe der DEAS-Daten beschreiben. Der DEAS ist eine bundesweit repräsenta- Der DEAS ist die bedeutendste Langzeitstudie tive Langzeitbefragung von Personen im Alter © Der/die Autor(en) 2017 K. Mahne et al. (Hrsg.), Altern im Wandel, DOI 10.1007/978-3-658-12502-8_1 12 Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey von 40  bis 85 Jahren. Insgesamt werden die tuellen Datenerhebung des Jahres 2014 können Befragten zu folgenden Th emenbereichen um gesellschaft liche Veränderungen in den Lebens- Auskunft gebeten: Arbeit und Ruhestand; Ge- situationen Älterer über einen Zeitraum von nerationen, Familie und soziale Netzwerke; bis zu 18 Jahren untersucht werden. Insgesamt außerberufl iche Tätigkeiten und ehrenamtli- gehen die Informationen von über 20.000 Be- ches Engagement; Wohnen und Mobilität; wirt- fragten in die Analysen dieses Buches ein (vgl. schaft liche Lage und wirtschaft liches Verhalten; Kapitel 2). Lebensqualität und Wohlbefi nden; Gesundheit Das vorliegende Buch soll gesellschaft liche und Gesundheitsverhalten, Hilfe- und Pfl egebe- und politische Akteure dabei unterstützen, die dürft igkeit sowie Einstellungen, Normen, Werte Chancen und Herausforderungen des demogra- und Altersbilder. fi schen und sozialen Wandels zu ergreifen und Das breite thematische Spektrum und die zu bewältigen. Dabei steht der soziale Wandel Kombination von Quer- und Längsschnittbefra- der Lebenssituationen in der zweiten Lebens- gung (kohortensequenzielles Design) machen hälft e mit der Perspektive auf Teilhabe und In- den DEAS zur idealen Datenbasis, um Fragen zu tegration im Mittelpunkt des Buches. Das Buch Alter und Altern zu beantworten. Dabei werden richtet sich an den folgenden übergreifenden grundsätzlich zwei zeitliche Perspektiven be- Fragen aus: rücksichtigt: der soziale Wandel einerseits und individuelle Entwicklungsverläufe andererseits. • Aktuelle Lage Wie stellen sich im Jahr 2014 die Lebenssi- Im vorliegenden Buch wird die Perspektive des sozialen Wandels fokussiert. Es geht also um die tuationen von Menschen in der zweiten Le- Frage, ob und in welchen Bereichen sich die Le- benshälft e dar? Wie unterscheiden sich ver- benssituationen von Menschen in der zweiten schiedene gesellschaft liche Gruppen? Lebenshälft e über zwei Jahrzehnte verändert • Trends und sozialer Wandel Wie haben sich die Lebenssituationen von haben. Im Jahr 1996 wurde die erste Erhebung des DEAS durchgeführt, es folgten in Abstän- Menschen in der zweiten Lebenshälft e zwi- den von sechs Jahren weitere Erhebungen mit schen 1996 und 2014 gewandelt? Zeichnen repräsentativen Stichproben der Bevölkerung sich unterschiedliche Trends für verschiede- in Deutschland (2002, 2008, 2014). Mit der ak- ne gesellschaft liche Gruppen ab? 1.2 Übergreifende Ziele der AlternspoliƟ k: Teilhabe und IntegraƟ on älterer Menschen Die Bundesregierung hat im September 2015 von Arbeitswelt, Familie, sowie Wohnen und die Weiterentwicklung der Demografi estrate- Nachbarschaft . gie beschlossen. Neben der Sicherung des ge- Der Begriff der Teilhabe beschreibt einerseits sellschaft lichen Wohlstandes, der regionalen die Zugänglichkeit gesellschaft licher Güter und Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse sowie Rechte und andererseits das Mitmachen, Mit- der Sicherung staatlicher Handlungsfähigkeit gestalten und Mitentscheiden in Gemeinschaft steht der gesellschaft liche Zusammenhang im und Gesellschaft . Integration bedeutet den Mittelpunkt politischer Maßnahmen der De- Einbezug von Menschen in Gruppen, Gemein- mografi estrategie. Teilhabe und Integration sind schaft en und Organisationen und ist damit das dabei zentrale politische Ziele und erstrecken Gegenteil von Exklusion beziehungsweise Aus- sich im Wesentlichen auf die Lebensbereiche schluss. Teilhabe und Integration in der zweiten Lebenshälft e haben viele Facetten. Der längere Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 13 Verbleib älterer Arbeitnehmer und Arbeitneh- Die Vereinbarkeit von Beruf und Sorgetätigkeiten merinnen im Erwerbsleben, die Einbettung in als politische Aufgabe geht damit ebenso ein- Unterstützungsnetzwerke aus Familienmitglie- her: Die Zahl Älterer mit Unterstützungs- und dern, Freundinnen, Freunden, Nachbarinnen Pfl egebedarf wird weiter ansteigen – gleichzeitig und Nachbarn sowie die Wohnbedingungen nehmen insbesondere die familialen Ressourcen sind in diesem Zusammenhang wichtige Kom- für Unterstützung und Pfl ege ab. Neben verän- ponenten. Integration ist dabei nicht allein eine derten Familienstrukturen beeinfl usst auch die Zustandsbeschreibung, sondern ein fortwähren- gestiegene und längerfristige Erwerbstätigkeit der Prozess der Vergemeinschaft ung und Verge- die Bedingungen informeller Pfl ege und Unter- sellschaft ung. Es ist also von hoher Bedeutung, stützung: Immer mehr Pfl ege- und Hilfeleisten- die Integration älterer Menschen in Arbeitswelt, de sind erwerbstätig. Informelle Unterstützung Familie, Nachbarschaft und Gesellschaft über wird weiterhin häufi ger durch Frauen als Män- die Zeit hinweg zu betrachten. ner geleistet. Und dies bei sich zwischen den Mit der übergreifenden Aufgabe, die Teilha- Geschlechtern angleichenden Erwerbsquoten. be und Integration älterer Menschen zu sichern, Die Gleichstellung der Geschlechter in allen ge- haben sich in den letzten Jahrzehnten politische sellschaft lichen Bereichen ist daher ein weiteres Handlungsfelder herausgebildet, die für die wichtiges Handlungsfeld, um Teilhabe und In- Bewältigung der demografi schen und sozialen tegration zu erreichen. Die meisten Menschen Veränderungen zentral sind. Dabei geht es zum wollen bis ins hohe Alter in ihrem gewohnten einen um die Verlängerung des Erwerbslebens. Umfeld bleiben, selbst bei starken gesundheitli- Eine abnehmende Anzahl von Erwerbstätigen chen Einschränkungen. Selbstständiges Wohnen steht einer größer werdenden Anzahl von Per- im Alter zu gewährleisten, ist daher eine weitere sonen im Ruhestand gegenüber – mit daraus zentrale Aufgabe. Dabei geht es darum, die ei- erwachsenden Herausforderungen für das Er- gene Wohnung oder das unmittelbare Wohn- werbs- und Rentensystem. Diesen aktuellen He- umfeld so zu gestalten, dass die Gegebenheiten rausforderungen versucht die Politik beispiels- Handlungsmöglichkeiten bieten und keine Bar- weise mit einer schrittweisen Erhöhung des rieren darstellen. gesetzlichen Renteneintrittsalters zu begegnen. 1.3 Sozialer Wandel von Teilhabe und IntegraƟ on in der zweiten LebenshälŌ e Unter sozialem Wandel werden Veränderun- es darum geht, die Wechselbeziehungen und gen der Sozialstruktur einer Gesellschaft oder Wirkungszusammenhänge einzelner gesell- einzelner ihrer Bereiche verstanden (Schäfers schaft licher Teilbereiche zu untersuchen. Dabei 2012). Neben Veränderungen der gesellschaft - liegt der Fokus je nach Th eorietradition oder lichen Makrostruktur (z.  B. Wirtschaft ssystem) Forschungsagenda zum Beispiel auf dem sozi- betrifft der soziale Wandel auch Prozesse auf alen Rollengefüge innerhalb einer Gesellschaft , der gesellschaft lichen Mesoebene (z.  B. Institu- auf der Verteilung der Bevölkerung nach Merk- tionen und Organisationen), sowie Veränderun- malen wie Alter, Bildung und Einkommen, oder gen auf der Ebene von Personen (Mikroebene, auf der Analyse sozialer Ungleichheit. z. B. Werthaltungen oder Handlungen). Sozialer Th eorien des sozialen Wandels fragen nach Wandel betrifft also die Strukturen einer Ge- den Ursachen, Mechanismen und Auswirkun- sellschaft . Diesen gesellschaft lichen Strukturen gen der Veränderung von Sozialstruktur. Fort- widmet sich die Sozialstrukturanalyse, bei der schritte in Technik und Wissenschaft gelten als 14 Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey Hauptmotoren des sozialen Wandels, aber auch matischer Geburtenrückgang, der sogenannte politische Ideologien oder religiöse Überzeu- ‚Pillenknick‘. In Westdeutschland sind die Ge- gungen können ein Faktor sozialer und kultu- burtenraten seit Mitte der 1970er Jahre bis heute reller Veränderungen sein. Sozialer Wandel ist stabil. Der Geburtenrückgang war in der DDR eine ‚Grundkonstante‘ der Moderne (Schimank nicht so stark ausgeprägt und zudem abgefedert 2012: 19). Für Alter und Altern in Deutschland durch bevölkerungs- und familienpolitische ist der soziale Wandel in den folgenden Berei- Maßnahmen. Allerdings kam es in den neuen chen von Bedeutung: Bevölkerungsstruktur, Bundesländern nach der Wiedervereinigung private Lebensformen, Formen der Erwerbstä- zu einem schlagartigen Absinken der Gebur- tigkeit und sozialer Sicherung, Wohn- und Sied- tenzahlen, die sich mittlerweile wieder auf dem lungsformen sowie Bildung und Kultur. Im Fol- Niveau der alten Bundesländer eingependelt ha- genden werden diese Teilbereiche des sozialen ben. Verursacht durch den Babyboom und die Wandels, die auch in den Kapiteln dieses Buches abfallenden Geburtenzahlen schiebt sich in der aufgegriff en werden, näher erläutert. Bundesrepublik ein ‚Geburtenberg‘ durch die Bevölkerungsstruktur (Geißler & Meyer 2014). Dieser Geburtenberg ist heute ein ‚Berg von Er- 1.3.1 Wandel der werbstätigen‘ und in den nächsten Jahrzehnten Bevölkerungsstruktur wird aus ihm schließlich ein ‚Rentnerberg‘ wer- den – mit gravierenden Auswirkungen auf die Die Bevölkerungsentwicklung eines Landes Systeme der sozialen Sicherung und die privaten ist unter anderem durch Geburten, Sterbefälle, Lebensbedingungen der Betroff enen. Ein- und Auswanderung bestimmt. In Deutsch- Deutschland hat sich seit dem Zweiten land sinkt die Sterblichkeit seit etwa zweieinhalb Weltkrieg vom Auswanderungs- zum Einwan- Jahrhunderten (Hradil 2012). Durch bessere hy- derungsland entwickelt. In der Zeit nach dem gienische Verhältnisse, bessere Ernährung und Zweiten Weltkrieg sind etwa zwölf Millionen medizinischen Fortschritt sank zunächst die Vertriebene und Flüchtlinge aus den ehemali- Kindersterblichkeit. Verbesserte allgemeine Le- gen deutschen Ostgebieten nach Deutschland bens- und Arbeitsbedingungen trugen dann zu gekommen – etwa zwei Drittel nach West- und einer Reduzierung der Sterblichkeit im mittle- ein Drittel nach Ostdeutschland. Seit Mitte der ren Lebensalter bei. Seit dem Zweiten Weltkrieg 1950er Jahre wanderten im Zuge der Anwer- sinkt auch die Sterblichkeit im hohen Alter. Die bung von Arbeitskräft en etwa vier Millionen Lebensphase ‚Alter‘ umfasst inzwischen mehre- ‚Gastarbeiter‘ vor allem aus Mittelmeerländern re Jahrzehnte. Heute 60-jährige Frauen haben nach Westdeutschland ein. In den 1980er bis in eine fernere Lebenserwartung von 25 Jahren, bei die frühen 1990er Jahre zogen verstärkt Asylsu- heute 60-jährigen Männern beträgt sie 22 Jahre chende nach Deutschland – mit Einführung der (Statistisches Statistisches Bundesamt 2012)  – ‚Drittstaatenregelung‘ ebbte der Zuzug von Ge- und sie wird sich absehbar weiter verlängern. fl üchteten jedoch abrupt ab. Zur gleichen Zeit Erst weit nach dem Rückgang der Sterblich- wanderten aus Osteuropa und der damaligen keit sanken in Deutschland auch die Geburten- Sowjetunion wieder verstärkt ‚Spätaussiedler‘ zahlen. In der Zeit zwischen den beiden Welt- ein. Da Wanderungen über die Grenzen von kriegen betrug die durchschnittliche Kinderzahl Nationalstaaten hinweg – anders als das Gebur- pro Frau 1,8 und unterschritt damit bereits die tengeschehen und die Sterblichkeit – viel stärker notwendige Zahl von 2,1 Kindern pro Frau zum von nationalen gesetzlichen Regelungen und Erhalt der Bevölkerungszahl (Hradil 2012). der politisch-ökonomischen Weltlage abhän- Auf den Zweiten Weltkrieg folgte seit Mitte der gen, kommt es hier zu stärkeren Schwankungen 1950er bis in die Mitte der 1960er Jahre insbe- über die Zeit. In den letzten Jahren zeichnet sich sondere in Westdeutschland ein Geburtenan- Deutschland jedoch durch ein rückläufi ges po- stieg, der ‚Babyboom‘. Auf den Babyboom folgte sitives Wanderungssaldo aus – in manchen Jah- für ein Jahrzehnt bis Mitte der 1970er ein dra- ren wandern sogar mehr Menschen aus als ein. Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 15 Allerdings kann im vorliegenden Buch nicht schriebenen Gegenmaßnahmen können auch auf die aktuelle Zuwanderung durch Flücht- hier greifen – außerdem werden Leistungskür- linge eingegangen werden. Die Datenerhebung zungen, verstärkte private fi nanzielle Vorsorge des Deutschen Alterssurveys fand im Jahr 2014 und verlässliche Unterstützungsstrukturen in statt, also vor dem Beginn der Zuwanderung Familie und Nachbarschaft als Lösungen disku- von Flüchtlingen ab dem Sommer 2015. tiert. Schließlich wird der wachsende Anteil von Für Deutschland gilt daher: Wir werden we- Hochaltrigen und Pfl egebedürft igen zu Kosten- niger, älter und bunter. Das anstehende massive steigerungen im Gesundheitswesen führen und Geburtendefi zit – selbst bei gleichbleibender re- ganz neue Aufgaben an Arbeitsmärkte, Dienst- lativer Kinderzahl pro Frau werden von den ge- leistungen und familiale Unterstützungsnetz- burtenschwachen Jahrgängen der 1970er Jahre werke stellen. absolut weniger Kinder geboren werden – lässt Die Alterung der Bevölkerung ist aber kei- die Bevölkerung trotz positiver Wanderungssal- neswegs ausschließlich problembehaft et. Ein den und steigender Lebenserwartung schrump- langes Leben gilt als hohes Gut: Es ist immer fen. Die Bevölkerungsentwicklung der Zukunft mehr Menschen in Deutschland möglich, ihre wird daher entscheidend von der Entwicklung gewonnenen Lebensjahre in guter Gesundheit der Zuwanderung bestimmt sein. Die steigende zu verbringen und ihre Lebensumstände bis ins Lebenserwartung in Verbindung mit geringen hohe Alter aktiv mitzugestalten. Dies setzt auch Geburtenzahlen führt zudem zu einer Alterung Potenziale für den Arbeitsmarkt und für bür- der Bevölkerung, das heißt der Großteil der Be- gerschaft liches Engagement frei. Genauso wenig völkerung entfällt auf ältere Jahrgänge. Dieser wie die Alterung nur problematisch ist, ist der Alterungsprozess wird erst wieder merklich ge- demografi sche Wandel nicht ausschließlich als bremst, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der ein Zusammenwirken von Bevölkerungsprozes- Babyboomer verstorben sind, also etwa ab dem sen zu verstehen. Veränderungen der Bevölke- Jahr 2050. rungszusammensetzung sind Teil des sozialen Die Schrumpfung und Alterung bringt ver- Wandels, sie sind Ausdruck von Veränderungen schiedene Probleme mit sich. Die wachsende des Wertesystems und damit verbundenen ver- Zahl älterer Erwerbstätiger bringt einerseits änderten Präferenzen und Möglichkeiten. reiche Erfahrungsschätze mit sich, gleichzeitig Das Modell des ‚Zweiten Demografi schen wird der Weiterbildungsbedarf steigen. Zudem Übergangs‘ (z. B. Lesthaeghe 1983) beschreibt wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähi- für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ei- gen Alter insgesamt zurückgehen. Hierdurch nen Wertewandel hin zu postmaterialistischen kann es zu einem zunehmenden Fachkräft e- und individualistischen Werten und macht die mangel in spezifi schen Berufsfeldern kommen. jüngeren Veränderungen in der Bevölkerungs- Lösungen für die Behebung dieses Mangels struktur vor allem an veränderten Einstellungen werden in einer allgemeinen oder berufsspe- und Verhaltensweisen in Bezug auf Ehe und El- zifi schen Höherqualifi zierung sowie in einer ternschaft fest. Im Zuge einer allgemeinen Mo- Erhöhung der Erwerbstätigenquote gesehen. dernisierung werden mit ‚Individualisierung‘ Diese kann zum Beispiel durch das Heraufset- Prozesse beschrieben, die ganz generell den zen des Renteneintrittsalters, einer Verkürzung Wandel von einer Fremd- zu einer Selbstbestim- der Erstausbildungszeiten oder einer Erhöhung mung des Individuums beschreiben und insbe- der Frauenerwerbstätigkeit gelingen. Zudem sondere auf die privaten Lebensformen wirken. können Arbeitsmigrantinnen und Arbeits- Zum einen geht es dabei um die Veränderung migranten den Bedarf an Fachkräft en puff ern. von traditionellen Rollen und Identitäten. Zum Die umlagefi nanzierten sozialen Sicherungssys- anderen ist damit die freie Wahl von Bindungen teme geraten durch den schrumpfenden Pool und Beziehungen gemeint und schließlich geht an Beitragszahlerinnen und -zahlern, dem eine mit Individualisierung eine autonome Lebens- wachsende Zahl von Anspruchsberechtigten führung, sprich eine Selbstverwirklichung der gegenüber steht, in Bedrängnis. Die oben be- Persönlichkeit einher. Veränderungen in Bezug 16 Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey auf Ehe, Elternschaft und Haushaltsstrukturen der haben nur in jungen Jahren einen ehestabi- machen dies besonders deutlich. lisierenden Eff ekt, Scheidungen sind unter an- derem in Städten, bei niedriggebildeten Paaren sowie in Beziehungen, in denen beide erwerbs- 1.3.2 Wandel der privaten tätig sind, besonders häufi g. Lebensformen, Familien- und Kinder werden nicht nur häufi ger unehelich geboren, sie werden auch später im Lebenslauf Haushaltsstrukturen einer Frau geboren und wachsen mit weniger Private Lebensformen, Familien- und Haus- Geschwistern auf. Seit den 1980er Jahren treten haltsstrukturen sind ein weiteres gesellschaft li- zudem kinderlose Lebensformen häufi ger auf. ches Feld, das für die Sozialstrukturanalyse und Dabei ist der Verzicht auf Elternschaft immer häufi ger freiwillig – Kinder werden nicht mehr damit für die Beschreibung und Analyse des Wandels von Lebenssituationen im Alter zentral als Voraussetzung für ein erfülltes, glückliches ist. Da unter dem Begriff ‚Familie‘ nicht mehr Leben gesehen. Neben dem Fehlen eines geeig- alle Formen des Zusammenlebens zu fassen neten Partners oder einer geeigneten Partnerin sind, wird die Familie heute im Rahmen einer lässt sich dauerhaft e Kinderlosigkeit auch durch materielle Aspekte und steigende Opportuni- Diff erenzierung und Pluralisierung als eine Va- riante privater Lebensformen verstanden. Mit tätskosten erklären. dem Ende der 1960er Jahre kommt es zu einem Dass soziale Normen weniger verbindlich Rückgang der Eheschließungen. Heute bleibt werden, ist insbesondere bei Frauen entschei- etwa ein Drittel aller Erwachsenen – Männer dend für die beschriebenen Veränderungen. Wachsende Bildungsbeteiligung und Erwerbstä- etwas häufi ger als Frauen – dauerhaft unver- heiratet. Zudem wird nicht nur seltener gehei- tigkeit der Frauen führen dazu, dass sie ökono- ratet, sondern auch später. So hat sich das Alter misch zunehmend unabhängiger von Mann und bei Erstheirat in den letzten fünfzig Jahren von Ehe werden. Die Entscheidung zur Mutterschaft Mitte 20 auf Anfang 30 verlagert. Ein wesentli- ist zur selbstbestimmten Option geworden und unterliegt der Vereinbarkeit mit anderen Le- cher Grund für die Abkehr von der Ehe ist die voranschreitende Entkopplung von Elternschaft bensbereichen wie Beruf und Karriere. und Ehe. Heute ist es sozial anerkannt, auch un- Zu den bedeutendsten ‚neuen‘ Lebensfor- verheiratet Kinder zu bekommen. Außerdem men zählt zunächst das nichteheliche Zusam- passen relativ starre Verbindlichkeiten der Ehe menleben eines Paares. Diese Lebensform ist mittlerweile so verbreitet, dass sie nicht mehr nicht mehr zum heutigen Verständnis von Part- nerschaft , welches auf Zuneigung, individuel- länger nur als Vorform der Ehe angesehen wer- ler Selbstverwirklichung und Kommunikation den kann. Sie ist auch immer häufi ger ein Phä- basiert – eine Partnerschaft wird damit auch nomen der zweiten Lebenshälft e – etwa dann, nur so lange aufrechterhalten, solange die Be- wenn Menschen nach einer Scheidung mit ei- nem neuen Partner oder einer neuen Partnerin teiligten dies als sinnvoll erachten. Neben einer sinkenden Heiratsneigung sind steigende Schei- zusammenleben ohne erneut zu heiraten. Zu dungsraten ein weiterer Indikator für eine Indi- den neuen Lebensformen gehören auch gleich- vidualisierung. 2011 lag der Anteil der Ehen, die geschlechtliche Lebensgemeinschaft en. Wenn geschieden wurden, bei etwa 40 Prozent – und auch schwer in ihrer Verbreitung zu beziff ern, ist eine fortschreitende gesellschaft liche Akzeptanz damit fast dreimal so hoch wie noch in der Mitte der 1960er Jahre (zwölf  Prozent) (Meyer 2014: homosexueller Partner- und Elternschaft zu ver- 424). Am häufi gsten werden Ehen nach etwa zeichnen, die sich auch in gesetzlichen Regelun- fünf bis sechs Jahren geschieden, sie dauern im gen wie der zur Eingetragenen Lebenspartner- Schnitt etwa 15 Jahre. Aber auch Ehescheidun- schaft und den davon abgeleiteten Rechten (z. B. steuerrechtliches Splittingverfahren, Erbrecht, gen in späteren Lebensphasen nehmen zu, das Scheidungsrisiko liegt zwischen dem 20. und 30. Stiefk ind-Adoption) zeigt. Ehejahr mittlerweile bei etwa 27 Prozent. Kin- Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 17 In Deutschland lebten im Jahr 2010 etwa 1,6 Intimität und Sinnhaft igkeit. Sie sind ein we- Millionen Alleinerziehende; aus der Perspek- sentlicher Bestandteil der Alltagsgestaltung und tive der in dieser Lebensform aufwachsenden häufi g durch gegenseitige Hilfe und Unterstüt- Kinder macht das einen Anteil von etwa 17 zung gekennzeichnet. Veränderungen in den Prozent aus. Es handelt sich dabei in aller Regel Strukturen und Funktionen privater Lebens- um alleinerziehende Mütter; alleinerziehende formen sind für Integration und Teilhabe also Väter sind nur zu etwa zehn Prozent vertreten von zentraler Bedeutung. Noch ist die Plurali- (Meyer 2014: 432). Stigmatisierungen sind mit sierung und Dynamisierung der Lebensformen dieser Lebensform nur noch selten verbun- vorrangig in den jüngeren Kohorten zu fi nden, den, allerdings zeichnen sich Einelternfamilien sie betrifft aber immer häufi ger auch Menschen durch eine überproportional häufi ge Betrof- in der zweiten Lebenshälft e – zunächst eher in fenheit von Armutslagen aus. Durch Trennung der Form der ‚betroff enen‘ älteren Eltern oder beziehungsweise Scheidung und neu gestift ete Großeltern. Komplexer werdende private Le- Partnerschaft en kommt es beim Vorhandensein benssituationen im Alter bringen es mit sich, von Kindern immer häufi ger zu ‚Patchwork- dass Verbindlichkeiten und Verantwortlichkei- Familien‘, sodass Eltern und Kinder mit einem ten weniger verlässlich und planbar werden und Stiefelternteil und möglicherweise weiteren (immer wieder) neu verhandelt werden müssen. Stiefk indern oder -geschwistern zusammenle- Während zentrale familiale Ereignisse der zwei- ben – die Beziehungsgefüge zwischen leiblichen ten Lebenshälft e wie zum Beispiel der Übergang und sozialen Familienmitgliedern können da- zu Großelternschaft unsicherer werden, sind die her äußerst komplex werden. Lebenssituationen in vielen Fällen vom gleich- Ein weiterer Aspekt der privaten Lebens- zeitigen Vorhandensein mehrerer familialer formen betrifft die Haushaltsform. Nicht selten Generationen gekennzeichnet. Während sich wird der wachsende Anteil von ‚Single-Haushal- die Beziehungsnetzwerke in bestimmten priva- ten‘ – Alleinlebenden – als Ausdruck von Ver- ten Lebensformen also einerseits vervielfältigen einzelung verstanden. Es gibt vielfältige Gründe und möglicherweise verkomplizieren, werden für ein Alleinleben: Im jüngeren und mittleren sie für andere wiederum durch die Abwesenheit Lebensalter sind es vor allem verlängerte Aus- von Partner/in, Kindern und Enkelkindern ge- bildungszeiten, eine zeitliche Entkopplung von prägt sein. Verlassen des Elternhauses und eigener Famili- engründung, Paare mit getrennten Haushalten 1.3.3 Wandel von ErwerbstäƟ gkeit, und die steigenden Trennungs- und Scheidungs- Ruhestand und sozialer raten, die ein Alleinleben bedingen. Im höheren Alter hat sich die Anzahl von Einpersonenhaus- Sicherung halten stark erhöht – von etwa 1,5 Millionen zu Beginn der 1960er Jahre (Westdeutschland) auf Erwerbstätigkeit und materielle Lagen sind von etwa 5,5 Millionen im Jahr 2011 (Meyer 2014: hoher Bedeutung für die Lebensqualität älterer 436). Verantwortlich hierfür ist unter anderem Menschen. Die Erwerbstätigkeit ist eine zent- die gestiegene Lebenserwartung und es sind rale Form der gesellschaft lichen Partizipation. vor allem ältere (verwitwete) Frauen, die alleine Zugleich ist die Erwerbsarbeit für eine große leben. Zahl von Personen die vornehmliche Quelle des Soziale Beziehungen sind eine wesentliche Einkommens und für die darauf aufb auende Quelle für soziale Integration, Lebensqualität soziale Absicherung im Alter. Seit den 1950er und Wohlbefi nden über den gesamten Lebens- Jahren haben sich Erwerbsverläufe in Deutsch- lauf hinweg. Partnerschaft en und die Bindungen land deutlich verändert und sind bunter gewor- zu den eigenen Kindern und Enkelkindern ge- den. Der sogenannte Normalerwerbsverlauf hören dabei zu den engsten sozialen Beziehun- mit durchgängiger Vollzeitbeschäft igung, den gen älter werdender Menschen. Diese Bezie- Männer früherer Erwerbskohorten sowohl in hungen vermitteln Gefühle von Zugehörigkeit, West- als auch in Ostdeutschland häufi g aufwie- 18 Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey sen, hat an Allgemeingültigkeit verloren. Phasen aber wieder deutlich angestiegen. Zurückzufüh- mit nicht regulärer Beschäft igung und Arbeits- ren ist dies insbesondere auf die Abkehr der ar- losigkeit haben an Bedeutung gewonnen und beitsmarkt- und rentenpolitischen Orientierung Erwerbsverläufe sind insgesamt diskontinuier- auf die Frühverrentung und die Einschränkung licher geworden. (Simonson, Romeu Gordo, & von Möglichkeiten eines vorzeitigen Altersren- Kelle 2015; Trischler 2014). Diese Entwicklung tenbezugs. Durch die Einführung von Renten- zeigt sich besonders ausgeprägt in den neuen abschlägen wurde der vorgezogene Rentenein- Bundesländern und in besonderem Maße für tritt zunehmend unattraktiver. Seit 2012 wurde die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer. zudem mit der schrittweisen Heraufsetzung der Bei Frauen hat die Erwerbsbeteiligung insbe- Regelaltersgrenze von 65 auf 67 Jahre begonnen. sondere in den alten Bundesländern zugenom- Dieser Politik der Verlängerung des Erwerbsle- men, während die bereits zu DDR-Zeiten hohe bens steht die 2014 eingeführte Möglichkeit ei- Erwerbsbeteiligung von Frauen in den neuen nes vorzeitigen Ruhestandeintritts nach 45 Bei- Bundesländern seit der Wiedervereinigung ins- tragsjahren bereits mit 63 Jahren entgegen. gesamt stagniert, jedoch mit einem deutlichen Mit Blick auf den demografi schen Wandel Bedeutungszuwachs der Teilzeitbeschäft igung wurden in den letzten Jahren weitreichende und sinkenden Vollzeitbeschäft igungsraten Rentenreformen umgesetzt. Das Ziel der Le- (Simonson, Romeu Gordo, & Titova 2011). bensstandardsicherung im Alter durch die ge- Vor dem Hintergrund weitreichender Ver- setzliche Rentenversicherung wurde im Zuge änderungen der Arbeitswelt wie dem technolo- der Rentenreformen ab 2001 weitgehend auf- gischen Fortschritt, dem Wandel zur Dienstleis- gegeben, um die aufgrund der demografi schen tungsgesellschaft und der Globalisierung haben Veränderungen zu erwartende Erhöhung der sich auch Arbeitsbedingungen und -belastungen Beitragssätze abzufedern. Zentrale Merkmale verändert. Diskutiert werden neben (im Zeit- der Reformen sind die sinkenden Sicherungs- verlauf eher abnehmenden) physischen Belas- niveaus der gesetzlichen Rentenversicherung tungen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitneh- und die stärkere Betonung der betrieblichen mern zunehmend auch psychische Belastungen, und privaten Alterssicherung. Für Personen, die z.  B. durch einen gestiegenen Leistungs- und derzeit und zukünft ig in den Ruhestand gehen, Termindruck (Lohmann-Haislah 2012). Hinzu hat dies in der Regel negative Auswirkungen auf können Belastungen durch die Sorge um den ihre Renteneinkommen. Nach einer langjähri- Arbeitsplatz kommen. Auch wenn die Arbeits- gen Phase der Verbesserung materieller Lagen losenquoten seit 2005 insgesamt rückläufi g im Alter zeichnet sich somit ab, dass die Ein- sind und sich derzeit auf einem vergleichswei- kommen Älterer – aufgrund der Reformen des se niedrigen Niveau befi nden, haben befristete Rentensystems, aber auch aufgrund sich verän- Beschäft igungsformen und Arbeitsplatzwechsel dernder Erwerbsverläufe – zukünft ig geringer in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Au- ausfallen werden als in vorangegangenen Ko- ßerdem ist seit Umsetzung der Hartz-Reformen horten. Dies trifft zunächst die geburtenstarke mit höheren fi nanziellen Einbußen bei längerer Kohorte der Babyboomer, wird voraussichtlich Arbeitslosigkeit zu rechnen und durch die mit aber auch nachfolgende Geburtskohorten be- den Reformen verknüpft e Politik des ‚Förderns treff en. und Forderns‘ besteht möglicherweise die Be- Neben den Renteneinkünft en sind insbeson- fürchtung, im Falle eines Arbeitsplatzverlustes dere Vermögen und Erbschaft en von Bedeutung auch nicht angemessene Arbeitsangebote an- für die fi nanzielle Lebenssituation im Alter. nehmen zu müssen. Diese sind in hohem Maße ungleich verteilt. Während die Erwerbsbeteiligung Älterer Sowohl der Besitz von Geldvermögen, als auch in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich ge- der Erhalt oder die Erwartung von Erbschaf- stiegen ist (Naumann & Romeu Gordo 2010), ten sind in den neuen Bundesländern seltener sank das durchschnittliche Renteneintrittsalter als in den alten Bundesländern, und Personen bis Ende der 1990er Jahre zunächst, ist seitdem mit höherem Einkommen erben häufi ger als Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 19 Personen mit niedrigen Einkünft en (Motel- tier sind jene räumlichen Einheiten, in denen Klingebiel, Simonson, & Romeu Gordo 2010; sich das alltägliche Leben abspielt und die eine Vogel, Künemund, & Kohli 2011). Insgesamt ist besondere Bedeutung für gutes Altern haben die Wahrscheinlichkeit zu erben, in den letzten (Oswald, Kaspar, Frenzel-Erkert, & Konopik Jahrzehnten deutlich gestiegen, und es ist davon 2013; Wahl, Iwarsson, & Oswald 2012). Gesprä- auszugehen, dass sich die zu erwartenden Erb- che mit Nachbarn, das Einkaufen beim Bäcker schaft en in Anzahl und Höhe weiter erhöhen oder dem Lebensmittelladen, der Arztbesuch in werden. der Hausarztpraxis fi nden häufi g in der Nähe Die sozialen Ungleichheiten haben sich in der eigenen Wohnung statt. Diese räumlichen den letzten Jahren sowohl in Bezug auf Vermö- Kontexte stellen wesentliche Rahmenbedingun- gen als auch hinsichtlich der Einkommen er- gen für individuelle Alternsprozesse und ihre höht. So haben sich zwar die Haushaltseinkom- Bewältigung dar (Kawachi & Berkman 2003). men zwischen neuen und alten Bundesländern Erst mit der Berücksichtigung dieses Kontextes seit der Wiedervereinigung angenähert, sowohl lassen sich Ressourcen, Hindernisse und Gestal- innerhalb der alten als auch der neuen Länder tungsmöglichkeiten für ein gutes Alter beschrei- hat die Einkommensspreizung aber deutlich zu- ben und verstehen (Wahl, Iwarsson, & Oswald genommen (Goebel, Habich, & Krause 2013). 2012). Darüber hinaus ist die Armutsgefährdung ins- Die Gemeinde ist der Bezugspunkt für das gesamt und für einzelne Bevölkerungsgruppen, alltägliche Leben, wie z. B. Aktivitäten oder die insbesondere auch für Ältere, gestiegen. Versorgung mit Lebensmitteln. Allerdings sind Vor dem Hintergrund der sich verändernden Einrichtungen der fachlichen Versorgung, wie materiellen Lebenssituation im Alter bekommt etwa Facharztpraxen und Pfl egeeinrichtungen, auch das Th ema der Erwerbstätigkeit nach dem insbesondere in ländlichen Gebieten häufi g Ruhestandseintritt eine neue Bedeutung. Die nicht vor Ort, sondern auf der Ebene des (Land-) Erwerbsbeteiligung im Ruhestand hat in den Kreises oder der nächsten kreisfreien Stadt zu letzten Jahren deutlich zugenommen, allerdings erreichen. Für den Lebensalltag älter werdender werden fi nanzielle Gründe dabei wesentlich Menschen hat also das kommunale Umfeld eine seltener als Motiv genannt als beispielweise der besondere Bedeutung: Die Kommune ist als die Spaß an der Arbeit oder der Wunsch nach einer kleinste räumlich-politische Verwaltungseinheit Aufgabe (Engstler & Romeu Gordo 2014). Die im Wesentlichen für die Daseinsvorsorge der Erwerbstätigkeit nach dem Ruhestandseintritt Bürgerinnen und Bürger zuständig; die loka- ist also nicht nur ein Ausdruck fi nanzieller Not- le Infrastruktur und sozialen Netzwerke in der wendigkeiten, sondern kann vor dem Hinter- örtlichen Gemeinschaft bestimmen maßgeblich grund sich wandelnder Altersbilder, verbesser- die Qualität des Lebens im Alter mit. Je nach ter Gesundheit und gestiegener Bildungsniveaus fi nanziellem Spielraum, Siedlungsstruktur (Bal- auch als eine Möglichkeit der gesellschaft lichen lungsräume, verstädterte Räume, ländliche Räu- Teilhabe und des aktiven Alterns gesehen me) oder anderen Merkmalen, bestehen also werden. deutliche regionale Unterschiede, die Voraus- setzung für Teilhabe und Partizipation von den dort lebenden Menschen sind. 1.3.4 Wandel der Diese regionalen Unterschiede unterlie- Wohnverhältnisse und gen einem Wandel über die Zeit hinweg. So regionalen Kontexte vollziehen sich demografi sche Prozesse in den verschiedenen Regionen sehr unterschiedlich. Für die Mehrheit der Bevölkerung ist die eige- Der Bevölkerungsrückgang wird regional un- ne Wohnung der zentrale Lebensort, der mit terschiedlich stark ausfallen: Die neuen Bundes- länder werden insgesamt stärker betroff en sein. zunehmendem Lebensalter an Bedeutung ge- winnt (Claßen, Oswald, Doh, Kleinemas, & In beiden Landesteilen werden insbesondere Wahl 2014). Die Nachbarschaft oder das Quar- ländliche Räume einen stärkeren Bevölkerungs- 20 Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey rückgang erleben. Durch mangelnde Nachfrage kerung über mittlere oder höhere Bildungsab- etwa nach Dienstleistungen, Arztpraxen, Schu- schlüsse verfügt. Mit der Bildungsexpansion len oder Öff entlichem Nahverkehr werden diese ging also eine allgemeine Höherqualifi zierung Einrichtungen in gering besiedelten Gebieten einher. Zum Beispiel haben 1960 nur sechs Pro- vermutlich verstärkt ihre Dienste einstellen  – zent aller Schülerinnen und Schüler die Schule was wiederum weitere Abwanderungen in Rich- mit einer Studienberechtigung verlassen, im tung der Ballungsräume zur Folge haben kann. Jahr 2011 waren es 60 Prozent (Geißler 2014: In der Raumordnungspolitik wird eine „sich 336). selbst verstärkende [...] Abwärtsspirale periphe- Die Bildungsexpansion hat insofern auch rer ländlicher Räume infolge ungünstiger öko- eine Veränderung der gesellschaft lichen Quali- nomischer, demographischer und infrastruktu- fi kationsstruktur hervorgerufen, weil den noch reller Entwicklungen“ diskutiert (BBSR 2012). eher schlecht ausgebildeten Kohorten besser ge- Die Beachtung und Analyse regionaler Unter- bildete nachfolgen. Die Höherqualifi zierung der schiede und ihres Wandels sind von erheblicher Bevölkerung hat das Verhältnis der Bildungs- Bedeutung, wenn es darum geht die Kontexte schichten zueinander verändert – es kam zu der Lebenssituationen von Menschen in der einer ‚Umschichtung nach oben‘ (Geißler 2014: zweiten Lebenshälft e angemessen zu beschrei- 342). Insgesamt verlief die Bildungsexpansion in ben (Wiest, Nowossadeck, & Tesch-Römer beiden deutschen Staaten sehr ähnlich, mit dem 2015). Unterschied dass sie in der DDR früher begann und dort ein größerer Personenkreis davon pro- fi tieren konnte. 1.3.5 Wandel von Bildung und Als Ursachen für die Bildungsexpansion Kultur werden einerseits wachsende Bildungsbedarfe genannt: Fortschritte in Wissenschaft und Tech- Bildung stellt in modernen Gesellschaft en eine nik erfordern entsprechend qualifi zierte Ar- zentrale Ressource für Lebenschancen dar. beitskräft e. Andererseits wird das menschliche Neben der Funktion der Platzierung eines In- Streben nach Statussicherheit und Aufstieg als dividuums innerhalb der gesellschaft lichen Triebfeder der Bildungsexpansion angesehen. Hierarchie hat Bildung auch eine Auslese- und In der Folge der Bildungsexpansion kommt es Selektionsfunktion. Allerdings wirkt diese nicht zu einem Wachstum von Wirtschaft und Wohl- nur über Leistung, sondern auch nach sozialen stand. Die mit der Bildungsexpansion einherge- Merkmalen. Insofern beeinfl usst Bildung die hende Demokratisierung im Sinne einer wach- vertikale soziale Mobilität, den Zugang zu Le- senden kritischen Refl exion politischer und benschancen und verursacht Ungleichheiten gesellschaft licher Vorgänge führt zu stärkerer über den gesamten Lebensverlauf hinweg (z. B. politischer Partizipation und Teilhabe. Dies zeigt Ferraro, Shippee, & Schafer 2009). Veränderun- sich zum Beispiel am Entstehen einer Demons- gen im Zugang zu Bildung und in der Qualifi - trationskultur oder der Organisation von Bür- kationsstruktur einer Gesellschaft sind also von gerinitiativen. Soziale Ungleichheiten zwischen besonderer Bedeutung, wenn es um die Voraus- den Geschlechtern verringern sich, indem Frau- setzungen für Integration und Teilhabe Älterer en zunehmend ökonomisch eigenständig und geht. unabhängig werden. Mit der Bildungsexpansi- Die in beiden deutschen Staaten seit den on geht auch ein Wertewandel einher: Höhere 1950er Jahren stattfi ndende Bildungsexpansion Bildung führt zu höherer Individualisierung, ist eines der deutlichsten Phänomene des sozi- einer Freisetzung aus traditionellen Normen alen Wandels. Im Zuge der Bildungsexpansion und zu einer Pluralisierung im Wertebereich. kam es zu einem massiven Ausbau der sekun- Postmaterielle Werte wie Selbstverwirklichung, dären und tertiären Bildungsbereiche – mit der Lebensqualität und Autonomie sind handlungs- Folge, dass Personen länger im Bildungssystem leitend und führen zu einer Diff erenzierung der verweilen und ein größerer Anteil der Bevöl- Formen des privaten Zusammenlebens. Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 21 Die Bildungsexpansion hat aber auch eine spielsweise in Filmen, Dokumentationen oder paradoxe Situation hervorgebracht: Von ihr ha- in der Werbung. Selbst wenn eher angstbesetzte ben zwar Kinder aus allen Bevölkerungsschich- Th emen – wie Krankheit, Pfl ege und Demenz – ten profi tiert, allerdings sind die Bildungschan- ebenfalls thematisiert werden, wird zunehmend cen weiterhin schichtspezifi sch ungleich verteilt. ein Bild eines aktiven und fi tten Alters transpor- Zwar erreichen benachteiligte Schichten inzwi- tiert. Individuelle Altersbilder, das heißt Sicht- schen häufi ger ein mittleres Bildungsniveau. Die weisen auf das eigene Älterwerden, sind somit Chancen auf eine höhere Bildung sind jedoch auch dem sozialen Wandel ausgesetzt. Durch verstärkt schichtspezifi sch. eine steigende Zahl von aktiven und fi tten älte- Der sozial strukturierte Zugang zu Bildung ren Aktionsträgern in der Gesellschaft ist bereits sorgt nicht nur in frühen Lebensphasen für ein Wandel hin zu positiveren Altersbildern zu ungleich verteilte Lebenschancen, sondern er verzeichnen (Wurm & Huxhold 2012). wirkt auf unterschiedliche Weise bis ins Alter Die Förderung eines positiven Altersbilds in verschiedenen Lebensbereichen nach. Zu- ist nicht nur für individuelle Lebensläufe son- nächst eröff net eine gute Ausbildung Zugang zu dern auch für die Prävention von Altersdis- Berufen mit höherem Einkommen und schließ- kriminierung ein wichtiges Handlungsfeld. lich besseren materiellen Lagen im Rentenalter Gerade wenn die Potenziale einer alternden Ge- sowie der Möglichkeiten zu privater Vorsorge sellschaft genutzt werden sollen, ist es wichtig, (Motel-Klingebiel et al. 2010). Vermittelt über Altersdiskriminierung entschieden entgegen- das Wissen über vorteilhaft e Gesundheitsver- zuwirken. Eine aktive Lebensphase nach dem haltensweisen oder allgemeine Arbeits- und Ruhestandsübergang und eine damit verbun- Lebensbedingungen wirkt Bildung auch auf dene postmaterialistische Werteentwicklung die gesundheitliche Situation im Alter (Wurm, hin zu Selbstverwirklichung bis ins hohe Alter Schöllgen, & Tesch-Römer 2010). Ehrenamt- können jedoch auch mit Konfl ikten zwischen liches Engagement und unterstützende soziale den Generationen verbunden sein. Während ein Netzwerke sind in höheren Bildungsschichten Generationenkonfl ikt in den 1960er Jahren eher häufi ger zu fi nden (Fiori, Smith, & Antonucci in unterschiedlichen Werthaltungen begründet 2007; Naumann & Romeu Gordo 2010). Nied- war, ist heute eher eine Auseinandersetzung um rigere Bildung geht mit brüchigeren privaten verteilungspolitische Fragen bis hin zur Ableh- Biografi en einher – z. B. Scheidungen sind hier nung des ‚Generationenvertrags‘ zu erwarten häufi ger. Andererseits sind insbesondere höher (z.  B. Hollfelder 2012). Damit verbindet sich Gebildete häufi ger kinderlos und können daher möglicherweise auch ein Wandel von Einstel- auf andere Weise mit reduzierten familialen Le- lungen zur privaten beziehungsweise staatlichen benssituationen im Alter konfrontiert sein. Alterssicherung. Aufgrund der zu erwartenden Auch die Kultur und Werte einer Gesellschaft zahlenmäßig kleineren Kindergeneration und sind vom sozialen Wandel betroff en. Gerade die politischer Maßnahmen hin zu mehr priva- wachsende Zahl an älteren Menschen mit guter ter Vorsorge ist ein Wandel hin zur Befürwor- Gesundheit prägt durch ihre Partizipation in- tung von privater Alterssicherung zu erwarten. dividuelle und gesellschaft liche Werthaltungen Gleichzeitig sollten diese Einstellungen von fa- sowie die Wahrnehmung von älteren Menschen miliären Hintergründen und fi nanziellen Res- mit. Ältere Menschen und Th emen rund um sourcen der Personen abhängen. das Alter sind zunehmend medial präsent, bei- 22 Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 1.4 Vielfalt und Ungleichheit in der zweiten LebenshälŌ e Ältere Menschen sind keineswegs eine homoge- wirksam. Allerdings ist fraglich, wie stabil sozi- ne Gruppe. Die Lebenssituationen und Lebens- ale Ungleichheit in der zweiten Lebenshälft e ist. umstände in der zweiten Lebenshälft e sind viel- fältig und unterschiedlich – das Alter hat viele – Die Th ese der ‚Kontinuität‘ geht davon aus, verschiedene Gesichter. Vielfalt betrifft zunächst dass soziale Ungleichheiten im Laufe des Le- nur die Feststellung, dass es Unterschiede zwi- bens bestehen bleiben. Menschen starten von schen Menschen gibt, ohne diese Unterschiede unterschiedlichen Ausgangspositionen und zu bewerten. Im Gegensatz dazu liegt soziale die früh im Leben festgelegten Unterschiede Ungleichheit vor, wenn Unterschiede mit Be- verändern sich bis ins hohe Alter nicht. nachteiligungen bzw. Bevorzugungen verknüpft sind. Im Fall der sozialen Ungleichheit gibt es – Die Th ese der ‚Angleichung‘ besagt, dass also eine Bewertung der Vielfalt: Unterschiede bestehende Ungleichheiten in späteren Le- können als Benachteiligung oder Bevorzugung bensphasen abgemildert werden können gewertet werden. Wird etwa eine gesellschaft li- – beispielsweise durch sozialstaatliche Rege- lungen, die in späteren Lebensphasen stärker che Gruppe beim Zugang zu erstrebenswerten Gütern oder Positionen benachteiligt, eine an- greifen als in früheren Lebensabschnitten. dere gesellschaft liche Gruppe aber bevorzugt, so wird von sozialer Ungleichheit gesprochen. – Die Th ese der ‚Diff erenzierung‘ geht dagegen Allgemein gesprochen entsteht soziale Un- von einer weiteren Verstärkung der sozialen Ungleichheit im späteren Lebenslauf aus. Ri- gleichheit, wenn bestimmte soziale Positionen mit Vor- oder Nachteilen verknüpft sind (Solga, siken und Ressourcen kumulieren im Laufe Berger, & Powell 2009). Zum Beispiel kann der des Lebens. Personen mit guten Ausgangsbe- Zugang zum Arbeitsmarkt sozial ungleich ver- dingungen (etwa einer guten Bildung) wer- teilt sein: Ältere Menschen, Frauen, Menschen den mit hoher Wahrscheinlichkeit anregen- de Berufe ergreifen und ein auskömmliches mit geringer Bildung und Menschen aus ländli- chen Regionen sind beim Zugang zum Arbeits- Einkommen haben, während Personen mit markt benachteiligt (im Vergleich zu jüngeren schlechten Ausgangsbedingungen im weite- Menschen, Männern, Menschen mit höherer ren Lebensverlauf mit Belastungen und Risi- Bildung sowie Menschen aus städtischen Regi- ken konfrontiert sind. onen). Mit der Position auf dem Arbeitsmarkt wiederum sind zum Beispiel Einkommenshöhe, – Die Th ese der ‚Altersbedingtheit‘ geht davon Ansehen und Integration in soziale Netzwerke aus, dass sich die Determinanten für soziale verbunden. Daher können das Alter, das Ge- Ungleichheit über den Lebenslauf verändern. schlecht, die Bildung oder der Wohnort einer Im Alter werden dieser Th ese nach bestimm- te Gruppenzugehörigkeiten bedeutsam für Person Determinanten von sozialer Ungleich- heit sein. eine bessere oder schlechtere Position im so- Bei einer Betrachtung der unterschiedlichen zialen Gefüge. und möglicherweise ungleichen Lebenssituatio- nen ist es wichtig zu berücksichtigen, dass Men- Für die Analyse von sozialer Ungleichheit in späteren Lebensphasen ist zudem zu beachten, schen in der zweiten Lebenshälft e bereits ein erhebliches Stück ihres Lebens gelebt haben und dass unterschiedliche Ungleichheitsmerkmale mit entsprechend unterschiedlichen Vorausset- zusammenwirken können. Bereits länger be- stehende Ungleichheiten können im Alter von zungen ins Alter kommen. Soziale Ungleichheit beginnt nicht erst in der Lebensphase Alter, neuen Ungleichheitsfaktoren möglicherweise überlagert oder verstärkt (‚Intersektionalität‘) sondern ist in der Regel schon früh im Leben werden. So sind einerseits Kumulationseff ekte Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 23 denkbar, die zu einer weiteren Verstärkung von Altersgruppenunterschieden im Kohortenver- sozialer Ungleichheit im Alter führen können, gleich einnehmen. Ein Beispiel hierfür: Erleben andererseits kann es zu einer Verlagerung weg später geborene Kohorten erst in einem höheren von materiellen hin zu gesundheitlichen oder Lebensalter funktionale Einschränkungen, so sozialen Dimensionen von Ungleichheit kom- könnte dies auf die Kompression der Morbidität men (Backes & Clemens 2013). hinweisen, also das Auft reten von Erkrankun- Das vorliegende Buch soll auch die Frage gen in einem sich verkürzenden Abschnitt am beantworten, wie die Chancen für soziale Teil- Lebensende. Ein weiteres Beispiel ist der Über- habe und Integration in der zweiten Lebens- gang in die Großelternschaft : Wenn Menschen hälft e nach individuellen, sozialstrukturellen im Jahr 2014 die Großelternschaft in einem hö- und räumlichen Voraussetzungen verteilt sind. heren Alter erleben als dies im Jahr 1996 der Fall Zentral sind dabei Unterschiedlichkeiten und war, so deuten sich hier Folgen von sich wan- Ungleichheiten zwischen gesellschaft lichen delnden Familiengründungsmustern an. Die Gruppen, die sich an den Kategorien Alter, Ge- Kinder der (werdenden) Großeltern entschlie- schlecht, Bildung und Region festmachen. ßen sich später, selbst eine Familie zu gründen und Kinder zu haben. 1.4.1 Alter 1.4.2 Geschlecht Die zweite Lebenshälft e wird im DEAS als die Altersspanne zwischen 40 und 85 Jahren kon- Das Geschlecht ist über den gesamten Lebens- zeptualisiert. Im Rahmen dieses Buches wer- lauf zentral für soziale Ungleichheit (Backes den somit sowohl die Lebenssituationen von 2007; Geißler 2014). Unabhängig von den indi- Personen mittleren Alters, von Menschen rund viduellen Entscheidungen, die Frauen und Män- um das Ruhestandsalter und von Personen an ner im Verlauf ihres Lebens treff en, gibt ihre der Schwelle zur Hochaltrigkeit gleichermaßen Geschlechtszugehörigkeit „strukturierte Wege betrachtet. Insofern dient die Zuordnung zu be- durch die Sozialstruktur“ vor (Krüger 2009: stimmten Altersgruppen einer Diff erenzierung 448). Auch Veränderungen und Entwicklungs- von Lebensphasen, die jeweils mit spezifi schen verläufe in der Lebensphase Alter werden von Rollenanforderungen (z.  B. Erwerbstätigkeit) der Geschlechtszugehörigkeit geprägt („ageing versehen sind. In der querschnittlichen Betrach- is a gendered process“, Arber & Ginn 1991:2). tung eines historischen Zeitpunktes zeigen sich Soziale Ungleichheiten zwischen älteren anhand der Altersgruppe also zunächst die über Männern und Frauen sind wesentlich durch altersspezifi sche Rollenerwartungen verteilten die ungleiche Verteilung von bezahlter Er- gesellschaft lichen Güter und die daran geknüpf- werbs- und unbezahlter Sorgearbeit in früheren ten Ungleichheiten (z.  B. Zugang zu Arbeits- Lebensphasen verursacht (Simonson, Romeu markt, Einkommen). Gordo, & Kelle 2014). Aufstiegsbarrieren für Eine weitere Perspektive ergibt sich, wenn Frauen lassen sich an der geschlechtsspezifi - über das Alter beziehungsweise den Geburts- schen Sozialisation, an patriarchalen Struk- zeitpunkt Altersgruppen im Sinne von zusam- turen innerhalb der Arbeitswelt und an der mengefassten Geburtsjahrgängen (‚Kohorten‘) geschlechtsspezifi schen innerfamilialen Ar- gebildet werden. Die jeweils vorherrschenden beitsteilung festmachen (Geißler 2014). Ältere historischen Gegebenheiten (z.  B.  Verhältnis Frauen sind im Ergebnis fi nanziell schlechter der Geschlechter) und Ereignisse (z.  B. Krieg, abgesichert als Männer, da sie im Erwerbsleben Wiedervereinigung), die den Lebenslauf einer geringere Einkommen erzielen (durch Unter- Kohorte prägen, werden dann als Erklärungs- brechungen, Teilzeit, etc.), eher prekär über die muster für soziale Ungleichheiten (z. B. Zugang Ehe abgesichert sind und schließlich auch in al- zu Bildung, Gesundheitszustand) herangezo- len drei Säulen der Rentenversicherung benach- gen. Die für dieses Buch zentrale Perspekti- teiligt sind. ve des sozialen Wandels lässt sich anhand von 24 Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey Allerdings verfügen Frauen, auch im Alter, schon früh im Lebensverlauf (Stocké, Blossfeld, in der Regel über größere und vielfältigere so- Hoenig, & Sixt 2011). Insofern gelten Bildungs- ziale Netzwerke als Männer und stehen auch ungleichheiten als besonders stabil über die Zeit häufi ger in Kontakt zu Menschen in ihrem und über den Lebenslauf. Netzwerk (Antonucci & Akiyama 1987). Zudem Ungleiche Lebenssituationen in der zweiten haben Frauen mehr Unterstützungspotenzial, Lebenshälft e können auf Bildungsunterschiede beispielsweise mit Blick auf Rat oder Trost geht als eine wichtige Ursachenkette über den Le- (Huxhold, Mahne, & Naumann 2010). Frauen benslauf zurückgeführt werden – keine andere verfügen somit über mehr soziale Ressourcen, Variable kann Unterschiede beim Einkommen um andere Benachteiligungen auszugleichen und subjektivem Wohlbefi nden im Alter besser oder zu puff ern. Schließlich haben Frauen zwar vorhersagen als die Bildung (Farkas 2003). Da- eine höhere Lebenserwartung, sind aber häufi - bei besteht der Zusammenhang zwischen (früh ger von chronischen Krankheiten und Pfl egebe- im Lebenslauf erworbener) Bildung und sozia- dürft igkeit betroff en (Backes 2007). ler Ungleichheit in späteren Lebensphasen nicht Im vorliegenden Buch wird daher auch der allein über den Zugang zu Berufen, Einkommen Frage nachgegangen, in welchen Lebensberei- und Prestige. Mit Bildung (‚Humankapital‘) chen es in den letzten beiden Jahrzehnten zu gehen weitere günstige Ressourcen einher, wie einer Veränderung von Geschlechterunterschie- kulturelles (z. B. Umgangsformen) und soziales den gekommen ist. Die gestiegene Erwerbspar- (z.  B.  hilfreiche soziale Netzwerke) Kapital, die tizipation und Bildungsbeteiligung von Frauen nicht nur Einkommenschancen sondern auch spielt dabei für verschiedene Lebensbereiche interpersonale Kompetenzen (z.  B. Kontroll- eine zentrale Rolle. Dabei kann auch deutlich überzeugungen, Selbstwirksamkeit) und einen werden, ob sich, bei einer Verringerung von gesunden Lebensstil begünstigen. So zeigt sich Geschlechtsunterschieden, die Frauen eher den beispielsweise, dass mit höherer Bildung die Männern angleichen oder ob – umgekehrt – die Beteiligung am Erwerbsleben auch in späteren Lebenssituationen von Männern denen von Lebensphasen steigt (Büttner 2005) – damit Frauen ähnlicher werden. zentral verbunden ist die fi nanzielle Situation. Zudem belegen zahlreiche Studien, dass bei Personen mit niedrigerer Bildung bestimmte 1.4.3 Bildung Krankheiten, Beschwerden und Risikofaktoren häufi ger vorkommen (Lampert & Kroll 2014; Neben Alter und Geschlecht ist Bildung eine von dem Knesebeck & Mielck 2009) und dass zentrale Determinante sozialer Ungleichheit, sie zudem höhere Sterblichkeitsraten aufweisen in modernen Gesellschaft en stellt der erreichte (Becker 1998). Schließlich gehen mit höherer Bildungsgrad sogar die wichtigste Dimension Bildung auch größere und heterogenere sozia- dar. Chancenungleichheiten machen sich ganz le Unterstützungsnetzwerke einher (Fiori et al. wesentlich am Bildungsniveau fest: Mit höherer 2007). Bildung ist ein leichterer Zugang zu gesellschaft - lichen Positionen, zu Mitgestaltungsmöglichkei- ten, guten Arbeits- und Wohnverhältnissen so- 1.4.4 Region wie hilfreichen sozialen Netzwerken verbunden. In Deutschland ist die soziale Herkunft ent- In Deutschland gibt es erhebliche regionale Un- scheidend für den Bildungserfolg in Kindheit, terschiede hinsichtlich Wohlstand, Infrastruk- Jugend und jungem Erwachsenenalter und turausstattung und Bevölkerungszusammen- damit für den Bildungsstatus, der im weiteren setzung (BBSR 2012). Allerdings stehen für die Lebensverlauf Möglichkeiten erschließen kann Erfassung räumlicher Disparitäten wenige gut (oder nicht). Zusätzlich zu primären Eff ekten ausgearbeitete Konzepte zur Verfügung, wie sie wie schichtspezifi scher Sozialisation und kog- etwa in der Analyse von Sozialstruktur Verwen- nitiven Kompetenzen wirken sekundäre Eff ek- dung fi nden (z. B. Schicht oder Milieu). Insofern te wie elterliche Wünsche und Entscheidungen sind angemessene Indikatoren oder Erhebungs- Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 25 instrumente für die Erfassung von Raum als schen alten und neuen Bundesländern immer Ungleichheitsdimension noch nicht vorhanden noch relevant. Insbesondere mit Blick auf die (Barlösius & Neu 2008). wirtschaft liche Entwicklung zeigt sich, dass es Eine wichtige Unterscheidung bei der Be- zwischen Ost- und West-Deutschland erheb- schreibung regionaler Vielfalt ist die Diff eren- liche regionale Unterschiede gibt (Maretzke zierung von städtischem und ländlichem Raum 2006). Mit Blick auf die materielle Lage kön- beziehungsweise verschiedener siedlungsstruk- nen Geschlechtsunterschiede durch regionale tureller Gebietstypen (Ballungsräume, verstäd- Disparitäten verstärkt werden: Frauen in den terte Räume, ländliche Räume). In Ballungsräu- alten Bundesländern haben wesentlich häufi - men kommt es zu räumlichen Konzentrationen ger diskontinuierliche Erwerbsbiografi en und von Menschen und damit auch zu einer Konzen- arbeiten häufi ger Teilzeit als in den neuen Bun- tration sozialer und wirtschaft licher Aktivitäten. desländern. Die in den neuen Bundesländern Den verdichteten Kerngebieten und suburba- zwischen Männern und Frauen deutlich ähn- nisierten Räumen stehen dünn besiedelte und licheren Erwerbsbiografi en führen dazu, dass häufi g strukturschwache Regionen gegenüber. weibliche Altersarmut in Westdeutschland ein Diese Gebiete werden oft als ländlicher Raum viel stärker ausgeprägtes Phänomen ist. Auch bezeichnet. Über Unterschiede in der Sied- die Lebensverläufe von Menschen in Ost- und lungsdichte weisen unterschiedliche Regionen West-Deutschland, beispielsweise mit Blick auf in Deutschland ungleiche Ausstattungen mit den Zeitpunkt familialer Übergänge, auf Bil- Arbeitsplätzen, Dienstleistungen, Infrastruktur dungsunterschiede, auf Werthaltungen sowie sowie sozioökonomischen und demografi schen auf die Erfahrung von Arbeitslosigkeit. Zudem Merkmalen auf. vollziehen sich die demografi sche Alterung, Obwohl mittlerweile 25 Jahre seit der Prozesse der Zu- und Abwanderung und der deutsch-deutschen Wiedervereinigung vergan- wirtschaft lichen Prosperität regional sehr unter- gen sind, ist die regionale Diff erenzierung zwi- schiedlich. 1.5 Ausblick auf das Buch Im vorliegenden Buch wird der Wandel von Das Buch nutzt die thematische Vielfalt des Teilhabe und Integration in der zweiten Lebens- DEAS und umfasst sieben Oberthemen: Er- hälft e in verschiedenen Lebensbereichen darge- werbstätigkeit und Ruhestand, Materielle Lage, stellt. Betrachtet wird der Zeitraum von 1996 bis Gesundheit und Wohlbefi nden, Partnerschaft 2014, also beinahe zwei Jahrzehnte des Wandels. und Generationenbeziehungen, Unterstützung Dabei werden nicht allein allgemeine Trends und soziale Integration, Wohnung und Wohn- betrachtet, sondern auch gefragt, ob sich Unter- umfeld, Einstellungen und Diskriminierung, schiede und Ungleichheiten aufgrund von Alter, sowie Migrationshintergrund. Insgesamt um- Geschlecht, Bildung oder Region im sozialen fasst das Buch zum DEAS 2014 neben diesem Wandel verändert haben. Dies bedeutet, dass Einleitungskapitel und einem Kapitel zu Daten im vorliegenden Buch nicht allein Unterschiede und Methoden 22 inhaltliche Kapitel. Das Buch berichtet werden, sondern auch Ähnlichkeiten schließt mit einem politikorientierten Fazit. und Annäherungen zwischen Gruppen darge- stellt werden. Mit einer geschärft en Wahrneh- mung für soziale Diff erenzierungen und Un- gleichheiten lassen sich Grenzen von Teilhabe und Integration erkennen und politische Hand- lungsbedarfe ableiten. 26 Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey Literatur Antonucci, T. C., & Akiyama, H. (1987). An examinaƟ on M. Putney & D. Gans (Hrsg.) Handbook of theories of of sex diī erences in social support among older men aging (Bd. 22, S. 413-433). New York: Springer. and women. Sex Roles, 17(11/12), 737-749. Fiori, K. L., Smith, J., & Antonucci, T. C. (2007). Social net- Arber, S., & Ginn, J. (1991). Gender and later life : a socio- work types among older adults: A mulƟ dimensional logical analysis of resources and constraints. London: approach. The Journals of Gerontology Series B: Psy- Sage. chological Sciences and Social Sciences, 62(6), P322- P330. Backes, G. M. (2007). Geschlechter - Lebenslagen - Al- tern. In: U. Pasero, G. M. Backes & K. R. Schroeter Geißler, R. (2014). 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Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey

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10.1007/978-3-658-12502-8_1
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Abstract

1. Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey Katharina Mahne, Julia K. Wolff , Julia Simonson & Clemens Tesch- Römer Der demografi sche und soziale Wandel führt zu rung auf. Weil immer mehr Menschen das hohe weitreichenden Veränderungen in Deutschland. und sehr hohe Alter erleben, sind auch mehr Eine ‚Gesellschaft des langen Lebens‘, wie sie Menschen von Mehrfacherkrankungen oder sich in Deutschland in den letzten Jahrzehnten Pfl egebedürft igkeit betroff en. Dies stellt Politik entwickelt hat, ist ein großer Erfolg. Seit Mit- und Gesellschaft in Deutschland vor die Her- te des 20. Jahrhunderts erleben immer mehr ausforderung, soziale Teilhabe und Integration Menschen ein höheres und sogar sehr hohes für die verschiedenen gesellschaft lichen Grup- Lebensalter. Dieser Wandel bringt eine Vielzahl pen gleichermaßen zu gewährleisten. von Chancen für Individuen und Gesellschaft Im vorliegenden Buch werden Befunde des mit sich. Durch eine verbesserte Gesundheit Deutschen Alterssurveys aus dem Jahr 2014 und durch die länger werdende nachberufl iche vorgestellt, einer seit 1996 durchgeführten re- Lebensphase ist es vielen Menschen in Deutsch- präsentativen Befragung von Menschen in der land möglich, ein gutes Leben im Alter zu füh- zweiten Lebenshälft e in Deutschland. Im vorlie- ren und dabei ihre Lebensumstände bis ins hohe genden Einführungskapitel stellen wir zunächst Alter aktiv mitzugestalten. den Deutschen Alterssurvey vor und diskutie- Allerdings sind neben diesen Chancen auch ren Integration und Teilhabe als übergeordnete individuelle und gesellschaft liche Herausforde- Ziele der Alternspolitik. Wir beschreiben den rungen zu nennen: Das veränderte Verhältnis sozialen Wandel, der Lebenssituationen in der von Alten zu Jungen – mehr älteren Menschen zweiten Lebenshälft e mitbestimmt und stellen stehen weniger junge Menschen gegenüber – abschließend Faktoren dar, anhand derer sich wirft neue Fragen hinsichtlich der Finanzierung Vielfalt und Ungleichheit in der zweiten Lebens- von Renten-, Gesundheits- und Pfl egeversiche- hälft e beschreiben und verstehen lassen. 1.1 Der Deutsche Alterssurvey (DEAS) Um die Chancen des demografi schen Wandels zum Th ema Alter und Altern in Deutschland nutzen und die mit diesem Wandel verbun- und wird seit Mitte der 1990er Jahre aus Mitteln denen Herausforderungen gezielt angehen zu des Bundesministeriums für Familie, Senioren, können, sind umfassende und gesicherte wis- Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert. Er senschaft liche Erkenntnisse zu Alter und Altern stellt die zentrale Informationsgrundlage für notwendig. Der Deutsche Alterssurvey (DEAS) politische Entscheidungsträgerinnen und Ent- bietet diese Erkenntnisgrundlage. Seit nunmehr scheidungsträger, aber auch für die interessierte fast zwei Jahrzehnten lassen sich die Lebenssitu- Öff entlichkeit und für die wissenschaft liche For- ationen von Menschen in der zweiten Lebens- schung dar. hälft e mit Hilfe der DEAS-Daten beschreiben. Der DEAS ist eine bundesweit repräsenta- Der DEAS ist die bedeutendste Langzeitstudie tive Langzeitbefragung von Personen im Alter © Der/die Autor(en) 2017 K. Mahne et al. (Hrsg.), Altern im Wandel, DOI 10.1007/978-3-658-12502-8_1 12 Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey von 40  bis 85 Jahren. Insgesamt werden die tuellen Datenerhebung des Jahres 2014 können Befragten zu folgenden Th emenbereichen um gesellschaft liche Veränderungen in den Lebens- Auskunft gebeten: Arbeit und Ruhestand; Ge- situationen Älterer über einen Zeitraum von nerationen, Familie und soziale Netzwerke; bis zu 18 Jahren untersucht werden. Insgesamt außerberufl iche Tätigkeiten und ehrenamtli- gehen die Informationen von über 20.000 Be- ches Engagement; Wohnen und Mobilität; wirt- fragten in die Analysen dieses Buches ein (vgl. schaft liche Lage und wirtschaft liches Verhalten; Kapitel 2). Lebensqualität und Wohlbefi nden; Gesundheit Das vorliegende Buch soll gesellschaft liche und Gesundheitsverhalten, Hilfe- und Pfl egebe- und politische Akteure dabei unterstützen, die dürft igkeit sowie Einstellungen, Normen, Werte Chancen und Herausforderungen des demogra- und Altersbilder. fi schen und sozialen Wandels zu ergreifen und Das breite thematische Spektrum und die zu bewältigen. Dabei steht der soziale Wandel Kombination von Quer- und Längsschnittbefra- der Lebenssituationen in der zweiten Lebens- gung (kohortensequenzielles Design) machen hälft e mit der Perspektive auf Teilhabe und In- den DEAS zur idealen Datenbasis, um Fragen zu tegration im Mittelpunkt des Buches. Das Buch Alter und Altern zu beantworten. Dabei werden richtet sich an den folgenden übergreifenden grundsätzlich zwei zeitliche Perspektiven be- Fragen aus: rücksichtigt: der soziale Wandel einerseits und individuelle Entwicklungsverläufe andererseits. • Aktuelle Lage Wie stellen sich im Jahr 2014 die Lebenssi- Im vorliegenden Buch wird die Perspektive des sozialen Wandels fokussiert. Es geht also um die tuationen von Menschen in der zweiten Le- Frage, ob und in welchen Bereichen sich die Le- benshälft e dar? Wie unterscheiden sich ver- benssituationen von Menschen in der zweiten schiedene gesellschaft liche Gruppen? Lebenshälft e über zwei Jahrzehnte verändert • Trends und sozialer Wandel Wie haben sich die Lebenssituationen von haben. Im Jahr 1996 wurde die erste Erhebung des DEAS durchgeführt, es folgten in Abstän- Menschen in der zweiten Lebenshälft e zwi- den von sechs Jahren weitere Erhebungen mit schen 1996 und 2014 gewandelt? Zeichnen repräsentativen Stichproben der Bevölkerung sich unterschiedliche Trends für verschiede- in Deutschland (2002, 2008, 2014). Mit der ak- ne gesellschaft liche Gruppen ab? 1.2 Übergreifende Ziele der AlternspoliƟ k: Teilhabe und IntegraƟ on älterer Menschen Die Bundesregierung hat im September 2015 von Arbeitswelt, Familie, sowie Wohnen und die Weiterentwicklung der Demografi estrate- Nachbarschaft . gie beschlossen. Neben der Sicherung des ge- Der Begriff der Teilhabe beschreibt einerseits sellschaft lichen Wohlstandes, der regionalen die Zugänglichkeit gesellschaft licher Güter und Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse sowie Rechte und andererseits das Mitmachen, Mit- der Sicherung staatlicher Handlungsfähigkeit gestalten und Mitentscheiden in Gemeinschaft steht der gesellschaft liche Zusammenhang im und Gesellschaft . Integration bedeutet den Mittelpunkt politischer Maßnahmen der De- Einbezug von Menschen in Gruppen, Gemein- mografi estrategie. Teilhabe und Integration sind schaft en und Organisationen und ist damit das dabei zentrale politische Ziele und erstrecken Gegenteil von Exklusion beziehungsweise Aus- sich im Wesentlichen auf die Lebensbereiche schluss. Teilhabe und Integration in der zweiten Lebenshälft e haben viele Facetten. Der längere Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 13 Verbleib älterer Arbeitnehmer und Arbeitneh- Die Vereinbarkeit von Beruf und Sorgetätigkeiten merinnen im Erwerbsleben, die Einbettung in als politische Aufgabe geht damit ebenso ein- Unterstützungsnetzwerke aus Familienmitglie- her: Die Zahl Älterer mit Unterstützungs- und dern, Freundinnen, Freunden, Nachbarinnen Pfl egebedarf wird weiter ansteigen – gleichzeitig und Nachbarn sowie die Wohnbedingungen nehmen insbesondere die familialen Ressourcen sind in diesem Zusammenhang wichtige Kom- für Unterstützung und Pfl ege ab. Neben verän- ponenten. Integration ist dabei nicht allein eine derten Familienstrukturen beeinfl usst auch die Zustandsbeschreibung, sondern ein fortwähren- gestiegene und längerfristige Erwerbstätigkeit der Prozess der Vergemeinschaft ung und Verge- die Bedingungen informeller Pfl ege und Unter- sellschaft ung. Es ist also von hoher Bedeutung, stützung: Immer mehr Pfl ege- und Hilfeleisten- die Integration älterer Menschen in Arbeitswelt, de sind erwerbstätig. Informelle Unterstützung Familie, Nachbarschaft und Gesellschaft über wird weiterhin häufi ger durch Frauen als Män- die Zeit hinweg zu betrachten. ner geleistet. Und dies bei sich zwischen den Mit der übergreifenden Aufgabe, die Teilha- Geschlechtern angleichenden Erwerbsquoten. be und Integration älterer Menschen zu sichern, Die Gleichstellung der Geschlechter in allen ge- haben sich in den letzten Jahrzehnten politische sellschaft lichen Bereichen ist daher ein weiteres Handlungsfelder herausgebildet, die für die wichtiges Handlungsfeld, um Teilhabe und In- Bewältigung der demografi schen und sozialen tegration zu erreichen. Die meisten Menschen Veränderungen zentral sind. Dabei geht es zum wollen bis ins hohe Alter in ihrem gewohnten einen um die Verlängerung des Erwerbslebens. Umfeld bleiben, selbst bei starken gesundheitli- Eine abnehmende Anzahl von Erwerbstätigen chen Einschränkungen. Selbstständiges Wohnen steht einer größer werdenden Anzahl von Per- im Alter zu gewährleisten, ist daher eine weitere sonen im Ruhestand gegenüber – mit daraus zentrale Aufgabe. Dabei geht es darum, die ei- erwachsenden Herausforderungen für das Er- gene Wohnung oder das unmittelbare Wohn- werbs- und Rentensystem. Diesen aktuellen He- umfeld so zu gestalten, dass die Gegebenheiten rausforderungen versucht die Politik beispiels- Handlungsmöglichkeiten bieten und keine Bar- weise mit einer schrittweisen Erhöhung des rieren darstellen. gesetzlichen Renteneintrittsalters zu begegnen. 1.3 Sozialer Wandel von Teilhabe und IntegraƟ on in der zweiten LebenshälŌ e Unter sozialem Wandel werden Veränderun- es darum geht, die Wechselbeziehungen und gen der Sozialstruktur einer Gesellschaft oder Wirkungszusammenhänge einzelner gesell- einzelner ihrer Bereiche verstanden (Schäfers schaft licher Teilbereiche zu untersuchen. Dabei 2012). Neben Veränderungen der gesellschaft - liegt der Fokus je nach Th eorietradition oder lichen Makrostruktur (z.  B. Wirtschaft ssystem) Forschungsagenda zum Beispiel auf dem sozi- betrifft der soziale Wandel auch Prozesse auf alen Rollengefüge innerhalb einer Gesellschaft , der gesellschaft lichen Mesoebene (z.  B. Institu- auf der Verteilung der Bevölkerung nach Merk- tionen und Organisationen), sowie Veränderun- malen wie Alter, Bildung und Einkommen, oder gen auf der Ebene von Personen (Mikroebene, auf der Analyse sozialer Ungleichheit. z. B. Werthaltungen oder Handlungen). Sozialer Th eorien des sozialen Wandels fragen nach Wandel betrifft also die Strukturen einer Ge- den Ursachen, Mechanismen und Auswirkun- sellschaft . Diesen gesellschaft lichen Strukturen gen der Veränderung von Sozialstruktur. Fort- widmet sich die Sozialstrukturanalyse, bei der schritte in Technik und Wissenschaft gelten als 14 Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey Hauptmotoren des sozialen Wandels, aber auch matischer Geburtenrückgang, der sogenannte politische Ideologien oder religiöse Überzeu- ‚Pillenknick‘. In Westdeutschland sind die Ge- gungen können ein Faktor sozialer und kultu- burtenraten seit Mitte der 1970er Jahre bis heute reller Veränderungen sein. Sozialer Wandel ist stabil. Der Geburtenrückgang war in der DDR eine ‚Grundkonstante‘ der Moderne (Schimank nicht so stark ausgeprägt und zudem abgefedert 2012: 19). Für Alter und Altern in Deutschland durch bevölkerungs- und familienpolitische ist der soziale Wandel in den folgenden Berei- Maßnahmen. Allerdings kam es in den neuen chen von Bedeutung: Bevölkerungsstruktur, Bundesländern nach der Wiedervereinigung private Lebensformen, Formen der Erwerbstä- zu einem schlagartigen Absinken der Gebur- tigkeit und sozialer Sicherung, Wohn- und Sied- tenzahlen, die sich mittlerweile wieder auf dem lungsformen sowie Bildung und Kultur. Im Fol- Niveau der alten Bundesländer eingependelt ha- genden werden diese Teilbereiche des sozialen ben. Verursacht durch den Babyboom und die Wandels, die auch in den Kapiteln dieses Buches abfallenden Geburtenzahlen schiebt sich in der aufgegriff en werden, näher erläutert. Bundesrepublik ein ‚Geburtenberg‘ durch die Bevölkerungsstruktur (Geißler & Meyer 2014). Dieser Geburtenberg ist heute ein ‚Berg von Er- 1.3.1 Wandel der werbstätigen‘ und in den nächsten Jahrzehnten Bevölkerungsstruktur wird aus ihm schließlich ein ‚Rentnerberg‘ wer- den – mit gravierenden Auswirkungen auf die Die Bevölkerungsentwicklung eines Landes Systeme der sozialen Sicherung und die privaten ist unter anderem durch Geburten, Sterbefälle, Lebensbedingungen der Betroff enen. Ein- und Auswanderung bestimmt. In Deutsch- Deutschland hat sich seit dem Zweiten land sinkt die Sterblichkeit seit etwa zweieinhalb Weltkrieg vom Auswanderungs- zum Einwan- Jahrhunderten (Hradil 2012). Durch bessere hy- derungsland entwickelt. In der Zeit nach dem gienische Verhältnisse, bessere Ernährung und Zweiten Weltkrieg sind etwa zwölf Millionen medizinischen Fortschritt sank zunächst die Vertriebene und Flüchtlinge aus den ehemali- Kindersterblichkeit. Verbesserte allgemeine Le- gen deutschen Ostgebieten nach Deutschland bens- und Arbeitsbedingungen trugen dann zu gekommen – etwa zwei Drittel nach West- und einer Reduzierung der Sterblichkeit im mittle- ein Drittel nach Ostdeutschland. Seit Mitte der ren Lebensalter bei. Seit dem Zweiten Weltkrieg 1950er Jahre wanderten im Zuge der Anwer- sinkt auch die Sterblichkeit im hohen Alter. Die bung von Arbeitskräft en etwa vier Millionen Lebensphase ‚Alter‘ umfasst inzwischen mehre- ‚Gastarbeiter‘ vor allem aus Mittelmeerländern re Jahrzehnte. Heute 60-jährige Frauen haben nach Westdeutschland ein. In den 1980er bis in eine fernere Lebenserwartung von 25 Jahren, bei die frühen 1990er Jahre zogen verstärkt Asylsu- heute 60-jährigen Männern beträgt sie 22 Jahre chende nach Deutschland – mit Einführung der (Statistisches Statistisches Bundesamt 2012)  – ‚Drittstaatenregelung‘ ebbte der Zuzug von Ge- und sie wird sich absehbar weiter verlängern. fl üchteten jedoch abrupt ab. Zur gleichen Zeit Erst weit nach dem Rückgang der Sterblich- wanderten aus Osteuropa und der damaligen keit sanken in Deutschland auch die Geburten- Sowjetunion wieder verstärkt ‚Spätaussiedler‘ zahlen. In der Zeit zwischen den beiden Welt- ein. Da Wanderungen über die Grenzen von kriegen betrug die durchschnittliche Kinderzahl Nationalstaaten hinweg – anders als das Gebur- pro Frau 1,8 und unterschritt damit bereits die tengeschehen und die Sterblichkeit – viel stärker notwendige Zahl von 2,1 Kindern pro Frau zum von nationalen gesetzlichen Regelungen und Erhalt der Bevölkerungszahl (Hradil 2012). der politisch-ökonomischen Weltlage abhän- Auf den Zweiten Weltkrieg folgte seit Mitte der gen, kommt es hier zu stärkeren Schwankungen 1950er bis in die Mitte der 1960er Jahre insbe- über die Zeit. In den letzten Jahren zeichnet sich sondere in Westdeutschland ein Geburtenan- Deutschland jedoch durch ein rückläufi ges po- stieg, der ‚Babyboom‘. Auf den Babyboom folgte sitives Wanderungssaldo aus – in manchen Jah- für ein Jahrzehnt bis Mitte der 1970er ein dra- ren wandern sogar mehr Menschen aus als ein. Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 15 Allerdings kann im vorliegenden Buch nicht schriebenen Gegenmaßnahmen können auch auf die aktuelle Zuwanderung durch Flücht- hier greifen – außerdem werden Leistungskür- linge eingegangen werden. Die Datenerhebung zungen, verstärkte private fi nanzielle Vorsorge des Deutschen Alterssurveys fand im Jahr 2014 und verlässliche Unterstützungsstrukturen in statt, also vor dem Beginn der Zuwanderung Familie und Nachbarschaft als Lösungen disku- von Flüchtlingen ab dem Sommer 2015. tiert. Schließlich wird der wachsende Anteil von Für Deutschland gilt daher: Wir werden we- Hochaltrigen und Pfl egebedürft igen zu Kosten- niger, älter und bunter. Das anstehende massive steigerungen im Gesundheitswesen führen und Geburtendefi zit – selbst bei gleichbleibender re- ganz neue Aufgaben an Arbeitsmärkte, Dienst- lativer Kinderzahl pro Frau werden von den ge- leistungen und familiale Unterstützungsnetz- burtenschwachen Jahrgängen der 1970er Jahre werke stellen. absolut weniger Kinder geboren werden – lässt Die Alterung der Bevölkerung ist aber kei- die Bevölkerung trotz positiver Wanderungssal- neswegs ausschließlich problembehaft et. Ein den und steigender Lebenserwartung schrump- langes Leben gilt als hohes Gut: Es ist immer fen. Die Bevölkerungsentwicklung der Zukunft mehr Menschen in Deutschland möglich, ihre wird daher entscheidend von der Entwicklung gewonnenen Lebensjahre in guter Gesundheit der Zuwanderung bestimmt sein. Die steigende zu verbringen und ihre Lebensumstände bis ins Lebenserwartung in Verbindung mit geringen hohe Alter aktiv mitzugestalten. Dies setzt auch Geburtenzahlen führt zudem zu einer Alterung Potenziale für den Arbeitsmarkt und für bür- der Bevölkerung, das heißt der Großteil der Be- gerschaft liches Engagement frei. Genauso wenig völkerung entfällt auf ältere Jahrgänge. Dieser wie die Alterung nur problematisch ist, ist der Alterungsprozess wird erst wieder merklich ge- demografi sche Wandel nicht ausschließlich als bremst, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der ein Zusammenwirken von Bevölkerungsprozes- Babyboomer verstorben sind, also etwa ab dem sen zu verstehen. Veränderungen der Bevölke- Jahr 2050. rungszusammensetzung sind Teil des sozialen Die Schrumpfung und Alterung bringt ver- Wandels, sie sind Ausdruck von Veränderungen schiedene Probleme mit sich. Die wachsende des Wertesystems und damit verbundenen ver- Zahl älterer Erwerbstätiger bringt einerseits änderten Präferenzen und Möglichkeiten. reiche Erfahrungsschätze mit sich, gleichzeitig Das Modell des ‚Zweiten Demografi schen wird der Weiterbildungsbedarf steigen. Zudem Übergangs‘ (z. B. Lesthaeghe 1983) beschreibt wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähi- für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ei- gen Alter insgesamt zurückgehen. Hierdurch nen Wertewandel hin zu postmaterialistischen kann es zu einem zunehmenden Fachkräft e- und individualistischen Werten und macht die mangel in spezifi schen Berufsfeldern kommen. jüngeren Veränderungen in der Bevölkerungs- Lösungen für die Behebung dieses Mangels struktur vor allem an veränderten Einstellungen werden in einer allgemeinen oder berufsspe- und Verhaltensweisen in Bezug auf Ehe und El- zifi schen Höherqualifi zierung sowie in einer ternschaft fest. Im Zuge einer allgemeinen Mo- Erhöhung der Erwerbstätigenquote gesehen. dernisierung werden mit ‚Individualisierung‘ Diese kann zum Beispiel durch das Heraufset- Prozesse beschrieben, die ganz generell den zen des Renteneintrittsalters, einer Verkürzung Wandel von einer Fremd- zu einer Selbstbestim- der Erstausbildungszeiten oder einer Erhöhung mung des Individuums beschreiben und insbe- der Frauenerwerbstätigkeit gelingen. Zudem sondere auf die privaten Lebensformen wirken. können Arbeitsmigrantinnen und Arbeits- Zum einen geht es dabei um die Veränderung migranten den Bedarf an Fachkräft en puff ern. von traditionellen Rollen und Identitäten. Zum Die umlagefi nanzierten sozialen Sicherungssys- anderen ist damit die freie Wahl von Bindungen teme geraten durch den schrumpfenden Pool und Beziehungen gemeint und schließlich geht an Beitragszahlerinnen und -zahlern, dem eine mit Individualisierung eine autonome Lebens- wachsende Zahl von Anspruchsberechtigten führung, sprich eine Selbstverwirklichung der gegenüber steht, in Bedrängnis. Die oben be- Persönlichkeit einher. Veränderungen in Bezug 16 Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey auf Ehe, Elternschaft und Haushaltsstrukturen der haben nur in jungen Jahren einen ehestabi- machen dies besonders deutlich. lisierenden Eff ekt, Scheidungen sind unter an- derem in Städten, bei niedriggebildeten Paaren sowie in Beziehungen, in denen beide erwerbs- 1.3.2 Wandel der privaten tätig sind, besonders häufi g. Lebensformen, Familien- und Kinder werden nicht nur häufi ger unehelich geboren, sie werden auch später im Lebenslauf Haushaltsstrukturen einer Frau geboren und wachsen mit weniger Private Lebensformen, Familien- und Haus- Geschwistern auf. Seit den 1980er Jahren treten haltsstrukturen sind ein weiteres gesellschaft li- zudem kinderlose Lebensformen häufi ger auf. ches Feld, das für die Sozialstrukturanalyse und Dabei ist der Verzicht auf Elternschaft immer häufi ger freiwillig – Kinder werden nicht mehr damit für die Beschreibung und Analyse des Wandels von Lebenssituationen im Alter zentral als Voraussetzung für ein erfülltes, glückliches ist. Da unter dem Begriff ‚Familie‘ nicht mehr Leben gesehen. Neben dem Fehlen eines geeig- alle Formen des Zusammenlebens zu fassen neten Partners oder einer geeigneten Partnerin sind, wird die Familie heute im Rahmen einer lässt sich dauerhaft e Kinderlosigkeit auch durch materielle Aspekte und steigende Opportuni- Diff erenzierung und Pluralisierung als eine Va- riante privater Lebensformen verstanden. Mit tätskosten erklären. dem Ende der 1960er Jahre kommt es zu einem Dass soziale Normen weniger verbindlich Rückgang der Eheschließungen. Heute bleibt werden, ist insbesondere bei Frauen entschei- etwa ein Drittel aller Erwachsenen – Männer dend für die beschriebenen Veränderungen. Wachsende Bildungsbeteiligung und Erwerbstä- etwas häufi ger als Frauen – dauerhaft unver- heiratet. Zudem wird nicht nur seltener gehei- tigkeit der Frauen führen dazu, dass sie ökono- ratet, sondern auch später. So hat sich das Alter misch zunehmend unabhängiger von Mann und bei Erstheirat in den letzten fünfzig Jahren von Ehe werden. Die Entscheidung zur Mutterschaft Mitte 20 auf Anfang 30 verlagert. Ein wesentli- ist zur selbstbestimmten Option geworden und unterliegt der Vereinbarkeit mit anderen Le- cher Grund für die Abkehr von der Ehe ist die voranschreitende Entkopplung von Elternschaft bensbereichen wie Beruf und Karriere. und Ehe. Heute ist es sozial anerkannt, auch un- Zu den bedeutendsten ‚neuen‘ Lebensfor- verheiratet Kinder zu bekommen. Außerdem men zählt zunächst das nichteheliche Zusam- passen relativ starre Verbindlichkeiten der Ehe menleben eines Paares. Diese Lebensform ist mittlerweile so verbreitet, dass sie nicht mehr nicht mehr zum heutigen Verständnis von Part- nerschaft , welches auf Zuneigung, individuel- länger nur als Vorform der Ehe angesehen wer- ler Selbstverwirklichung und Kommunikation den kann. Sie ist auch immer häufi ger ein Phä- basiert – eine Partnerschaft wird damit auch nomen der zweiten Lebenshälft e – etwa dann, nur so lange aufrechterhalten, solange die Be- wenn Menschen nach einer Scheidung mit ei- nem neuen Partner oder einer neuen Partnerin teiligten dies als sinnvoll erachten. Neben einer sinkenden Heiratsneigung sind steigende Schei- zusammenleben ohne erneut zu heiraten. Zu dungsraten ein weiterer Indikator für eine Indi- den neuen Lebensformen gehören auch gleich- vidualisierung. 2011 lag der Anteil der Ehen, die geschlechtliche Lebensgemeinschaft en. Wenn geschieden wurden, bei etwa 40 Prozent – und auch schwer in ihrer Verbreitung zu beziff ern, ist eine fortschreitende gesellschaft liche Akzeptanz damit fast dreimal so hoch wie noch in der Mitte der 1960er Jahre (zwölf  Prozent) (Meyer 2014: homosexueller Partner- und Elternschaft zu ver- 424). Am häufi gsten werden Ehen nach etwa zeichnen, die sich auch in gesetzlichen Regelun- fünf bis sechs Jahren geschieden, sie dauern im gen wie der zur Eingetragenen Lebenspartner- Schnitt etwa 15 Jahre. Aber auch Ehescheidun- schaft und den davon abgeleiteten Rechten (z. B. steuerrechtliches Splittingverfahren, Erbrecht, gen in späteren Lebensphasen nehmen zu, das Scheidungsrisiko liegt zwischen dem 20. und 30. Stiefk ind-Adoption) zeigt. Ehejahr mittlerweile bei etwa 27 Prozent. Kin- Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 17 In Deutschland lebten im Jahr 2010 etwa 1,6 Intimität und Sinnhaft igkeit. Sie sind ein we- Millionen Alleinerziehende; aus der Perspek- sentlicher Bestandteil der Alltagsgestaltung und tive der in dieser Lebensform aufwachsenden häufi g durch gegenseitige Hilfe und Unterstüt- Kinder macht das einen Anteil von etwa 17 zung gekennzeichnet. Veränderungen in den Prozent aus. Es handelt sich dabei in aller Regel Strukturen und Funktionen privater Lebens- um alleinerziehende Mütter; alleinerziehende formen sind für Integration und Teilhabe also Väter sind nur zu etwa zehn Prozent vertreten von zentraler Bedeutung. Noch ist die Plurali- (Meyer 2014: 432). Stigmatisierungen sind mit sierung und Dynamisierung der Lebensformen dieser Lebensform nur noch selten verbun- vorrangig in den jüngeren Kohorten zu fi nden, den, allerdings zeichnen sich Einelternfamilien sie betrifft aber immer häufi ger auch Menschen durch eine überproportional häufi ge Betrof- in der zweiten Lebenshälft e – zunächst eher in fenheit von Armutslagen aus. Durch Trennung der Form der ‚betroff enen‘ älteren Eltern oder beziehungsweise Scheidung und neu gestift ete Großeltern. Komplexer werdende private Le- Partnerschaft en kommt es beim Vorhandensein benssituationen im Alter bringen es mit sich, von Kindern immer häufi ger zu ‚Patchwork- dass Verbindlichkeiten und Verantwortlichkei- Familien‘, sodass Eltern und Kinder mit einem ten weniger verlässlich und planbar werden und Stiefelternteil und möglicherweise weiteren (immer wieder) neu verhandelt werden müssen. Stiefk indern oder -geschwistern zusammenle- Während zentrale familiale Ereignisse der zwei- ben – die Beziehungsgefüge zwischen leiblichen ten Lebenshälft e wie zum Beispiel der Übergang und sozialen Familienmitgliedern können da- zu Großelternschaft unsicherer werden, sind die her äußerst komplex werden. Lebenssituationen in vielen Fällen vom gleich- Ein weiterer Aspekt der privaten Lebens- zeitigen Vorhandensein mehrerer familialer formen betrifft die Haushaltsform. Nicht selten Generationen gekennzeichnet. Während sich wird der wachsende Anteil von ‚Single-Haushal- die Beziehungsnetzwerke in bestimmten priva- ten‘ – Alleinlebenden – als Ausdruck von Ver- ten Lebensformen also einerseits vervielfältigen einzelung verstanden. Es gibt vielfältige Gründe und möglicherweise verkomplizieren, werden für ein Alleinleben: Im jüngeren und mittleren sie für andere wiederum durch die Abwesenheit Lebensalter sind es vor allem verlängerte Aus- von Partner/in, Kindern und Enkelkindern ge- bildungszeiten, eine zeitliche Entkopplung von prägt sein. Verlassen des Elternhauses und eigener Famili- engründung, Paare mit getrennten Haushalten 1.3.3 Wandel von ErwerbstäƟ gkeit, und die steigenden Trennungs- und Scheidungs- Ruhestand und sozialer raten, die ein Alleinleben bedingen. Im höheren Alter hat sich die Anzahl von Einpersonenhaus- Sicherung halten stark erhöht – von etwa 1,5 Millionen zu Beginn der 1960er Jahre (Westdeutschland) auf Erwerbstätigkeit und materielle Lagen sind von etwa 5,5 Millionen im Jahr 2011 (Meyer 2014: hoher Bedeutung für die Lebensqualität älterer 436). Verantwortlich hierfür ist unter anderem Menschen. Die Erwerbstätigkeit ist eine zent- die gestiegene Lebenserwartung und es sind rale Form der gesellschaft lichen Partizipation. vor allem ältere (verwitwete) Frauen, die alleine Zugleich ist die Erwerbsarbeit für eine große leben. Zahl von Personen die vornehmliche Quelle des Soziale Beziehungen sind eine wesentliche Einkommens und für die darauf aufb auende Quelle für soziale Integration, Lebensqualität soziale Absicherung im Alter. Seit den 1950er und Wohlbefi nden über den gesamten Lebens- Jahren haben sich Erwerbsverläufe in Deutsch- lauf hinweg. Partnerschaft en und die Bindungen land deutlich verändert und sind bunter gewor- zu den eigenen Kindern und Enkelkindern ge- den. Der sogenannte Normalerwerbsverlauf hören dabei zu den engsten sozialen Beziehun- mit durchgängiger Vollzeitbeschäft igung, den gen älter werdender Menschen. Diese Bezie- Männer früherer Erwerbskohorten sowohl in hungen vermitteln Gefühle von Zugehörigkeit, West- als auch in Ostdeutschland häufi g aufwie- 18 Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey sen, hat an Allgemeingültigkeit verloren. Phasen aber wieder deutlich angestiegen. Zurückzufüh- mit nicht regulärer Beschäft igung und Arbeits- ren ist dies insbesondere auf die Abkehr der ar- losigkeit haben an Bedeutung gewonnen und beitsmarkt- und rentenpolitischen Orientierung Erwerbsverläufe sind insgesamt diskontinuier- auf die Frühverrentung und die Einschränkung licher geworden. (Simonson, Romeu Gordo, & von Möglichkeiten eines vorzeitigen Altersren- Kelle 2015; Trischler 2014). Diese Entwicklung tenbezugs. Durch die Einführung von Renten- zeigt sich besonders ausgeprägt in den neuen abschlägen wurde der vorgezogene Rentenein- Bundesländern und in besonderem Maße für tritt zunehmend unattraktiver. Seit 2012 wurde die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer. zudem mit der schrittweisen Heraufsetzung der Bei Frauen hat die Erwerbsbeteiligung insbe- Regelaltersgrenze von 65 auf 67 Jahre begonnen. sondere in den alten Bundesländern zugenom- Dieser Politik der Verlängerung des Erwerbsle- men, während die bereits zu DDR-Zeiten hohe bens steht die 2014 eingeführte Möglichkeit ei- Erwerbsbeteiligung von Frauen in den neuen nes vorzeitigen Ruhestandeintritts nach 45 Bei- Bundesländern seit der Wiedervereinigung ins- tragsjahren bereits mit 63 Jahren entgegen. gesamt stagniert, jedoch mit einem deutlichen Mit Blick auf den demografi schen Wandel Bedeutungszuwachs der Teilzeitbeschäft igung wurden in den letzten Jahren weitreichende und sinkenden Vollzeitbeschäft igungsraten Rentenreformen umgesetzt. Das Ziel der Le- (Simonson, Romeu Gordo, & Titova 2011). bensstandardsicherung im Alter durch die ge- Vor dem Hintergrund weitreichender Ver- setzliche Rentenversicherung wurde im Zuge änderungen der Arbeitswelt wie dem technolo- der Rentenreformen ab 2001 weitgehend auf- gischen Fortschritt, dem Wandel zur Dienstleis- gegeben, um die aufgrund der demografi schen tungsgesellschaft und der Globalisierung haben Veränderungen zu erwartende Erhöhung der sich auch Arbeitsbedingungen und -belastungen Beitragssätze abzufedern. Zentrale Merkmale verändert. Diskutiert werden neben (im Zeit- der Reformen sind die sinkenden Sicherungs- verlauf eher abnehmenden) physischen Belas- niveaus der gesetzlichen Rentenversicherung tungen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitneh- und die stärkere Betonung der betrieblichen mern zunehmend auch psychische Belastungen, und privaten Alterssicherung. Für Personen, die z.  B. durch einen gestiegenen Leistungs- und derzeit und zukünft ig in den Ruhestand gehen, Termindruck (Lohmann-Haislah 2012). Hinzu hat dies in der Regel negative Auswirkungen auf können Belastungen durch die Sorge um den ihre Renteneinkommen. Nach einer langjähri- Arbeitsplatz kommen. Auch wenn die Arbeits- gen Phase der Verbesserung materieller Lagen losenquoten seit 2005 insgesamt rückläufi g im Alter zeichnet sich somit ab, dass die Ein- sind und sich derzeit auf einem vergleichswei- kommen Älterer – aufgrund der Reformen des se niedrigen Niveau befi nden, haben befristete Rentensystems, aber auch aufgrund sich verän- Beschäft igungsformen und Arbeitsplatzwechsel dernder Erwerbsverläufe – zukünft ig geringer in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Au- ausfallen werden als in vorangegangenen Ko- ßerdem ist seit Umsetzung der Hartz-Reformen horten. Dies trifft zunächst die geburtenstarke mit höheren fi nanziellen Einbußen bei längerer Kohorte der Babyboomer, wird voraussichtlich Arbeitslosigkeit zu rechnen und durch die mit aber auch nachfolgende Geburtskohorten be- den Reformen verknüpft e Politik des ‚Förderns treff en. und Forderns‘ besteht möglicherweise die Be- Neben den Renteneinkünft en sind insbeson- fürchtung, im Falle eines Arbeitsplatzverlustes dere Vermögen und Erbschaft en von Bedeutung auch nicht angemessene Arbeitsangebote an- für die fi nanzielle Lebenssituation im Alter. nehmen zu müssen. Diese sind in hohem Maße ungleich verteilt. Während die Erwerbsbeteiligung Älterer Sowohl der Besitz von Geldvermögen, als auch in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich ge- der Erhalt oder die Erwartung von Erbschaf- stiegen ist (Naumann & Romeu Gordo 2010), ten sind in den neuen Bundesländern seltener sank das durchschnittliche Renteneintrittsalter als in den alten Bundesländern, und Personen bis Ende der 1990er Jahre zunächst, ist seitdem mit höherem Einkommen erben häufi ger als Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 19 Personen mit niedrigen Einkünft en (Motel- tier sind jene räumlichen Einheiten, in denen Klingebiel, Simonson, & Romeu Gordo 2010; sich das alltägliche Leben abspielt und die eine Vogel, Künemund, & Kohli 2011). Insgesamt ist besondere Bedeutung für gutes Altern haben die Wahrscheinlichkeit zu erben, in den letzten (Oswald, Kaspar, Frenzel-Erkert, & Konopik Jahrzehnten deutlich gestiegen, und es ist davon 2013; Wahl, Iwarsson, & Oswald 2012). Gesprä- auszugehen, dass sich die zu erwartenden Erb- che mit Nachbarn, das Einkaufen beim Bäcker schaft en in Anzahl und Höhe weiter erhöhen oder dem Lebensmittelladen, der Arztbesuch in werden. der Hausarztpraxis fi nden häufi g in der Nähe Die sozialen Ungleichheiten haben sich in der eigenen Wohnung statt. Diese räumlichen den letzten Jahren sowohl in Bezug auf Vermö- Kontexte stellen wesentliche Rahmenbedingun- gen als auch hinsichtlich der Einkommen er- gen für individuelle Alternsprozesse und ihre höht. So haben sich zwar die Haushaltseinkom- Bewältigung dar (Kawachi & Berkman 2003). men zwischen neuen und alten Bundesländern Erst mit der Berücksichtigung dieses Kontextes seit der Wiedervereinigung angenähert, sowohl lassen sich Ressourcen, Hindernisse und Gestal- innerhalb der alten als auch der neuen Länder tungsmöglichkeiten für ein gutes Alter beschrei- hat die Einkommensspreizung aber deutlich zu- ben und verstehen (Wahl, Iwarsson, & Oswald genommen (Goebel, Habich, & Krause 2013). 2012). Darüber hinaus ist die Armutsgefährdung ins- Die Gemeinde ist der Bezugspunkt für das gesamt und für einzelne Bevölkerungsgruppen, alltägliche Leben, wie z. B. Aktivitäten oder die insbesondere auch für Ältere, gestiegen. Versorgung mit Lebensmitteln. Allerdings sind Vor dem Hintergrund der sich verändernden Einrichtungen der fachlichen Versorgung, wie materiellen Lebenssituation im Alter bekommt etwa Facharztpraxen und Pfl egeeinrichtungen, auch das Th ema der Erwerbstätigkeit nach dem insbesondere in ländlichen Gebieten häufi g Ruhestandseintritt eine neue Bedeutung. Die nicht vor Ort, sondern auf der Ebene des (Land-) Erwerbsbeteiligung im Ruhestand hat in den Kreises oder der nächsten kreisfreien Stadt zu letzten Jahren deutlich zugenommen, allerdings erreichen. Für den Lebensalltag älter werdender werden fi nanzielle Gründe dabei wesentlich Menschen hat also das kommunale Umfeld eine seltener als Motiv genannt als beispielweise der besondere Bedeutung: Die Kommune ist als die Spaß an der Arbeit oder der Wunsch nach einer kleinste räumlich-politische Verwaltungseinheit Aufgabe (Engstler & Romeu Gordo 2014). Die im Wesentlichen für die Daseinsvorsorge der Erwerbstätigkeit nach dem Ruhestandseintritt Bürgerinnen und Bürger zuständig; die loka- ist also nicht nur ein Ausdruck fi nanzieller Not- le Infrastruktur und sozialen Netzwerke in der wendigkeiten, sondern kann vor dem Hinter- örtlichen Gemeinschaft bestimmen maßgeblich grund sich wandelnder Altersbilder, verbesser- die Qualität des Lebens im Alter mit. Je nach ter Gesundheit und gestiegener Bildungsniveaus fi nanziellem Spielraum, Siedlungsstruktur (Bal- auch als eine Möglichkeit der gesellschaft lichen lungsräume, verstädterte Räume, ländliche Räu- Teilhabe und des aktiven Alterns gesehen me) oder anderen Merkmalen, bestehen also werden. deutliche regionale Unterschiede, die Voraus- setzung für Teilhabe und Partizipation von den dort lebenden Menschen sind. 1.3.4 Wandel der Diese regionalen Unterschiede unterlie- Wohnverhältnisse und gen einem Wandel über die Zeit hinweg. So regionalen Kontexte vollziehen sich demografi sche Prozesse in den verschiedenen Regionen sehr unterschiedlich. Für die Mehrheit der Bevölkerung ist die eige- Der Bevölkerungsrückgang wird regional un- ne Wohnung der zentrale Lebensort, der mit terschiedlich stark ausfallen: Die neuen Bundes- länder werden insgesamt stärker betroff en sein. zunehmendem Lebensalter an Bedeutung ge- winnt (Claßen, Oswald, Doh, Kleinemas, & In beiden Landesteilen werden insbesondere Wahl 2014). Die Nachbarschaft oder das Quar- ländliche Räume einen stärkeren Bevölkerungs- 20 Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey rückgang erleben. Durch mangelnde Nachfrage kerung über mittlere oder höhere Bildungsab- etwa nach Dienstleistungen, Arztpraxen, Schu- schlüsse verfügt. Mit der Bildungsexpansion len oder Öff entlichem Nahverkehr werden diese ging also eine allgemeine Höherqualifi zierung Einrichtungen in gering besiedelten Gebieten einher. Zum Beispiel haben 1960 nur sechs Pro- vermutlich verstärkt ihre Dienste einstellen  – zent aller Schülerinnen und Schüler die Schule was wiederum weitere Abwanderungen in Rich- mit einer Studienberechtigung verlassen, im tung der Ballungsräume zur Folge haben kann. Jahr 2011 waren es 60 Prozent (Geißler 2014: In der Raumordnungspolitik wird eine „sich 336). selbst verstärkende [...] Abwärtsspirale periphe- Die Bildungsexpansion hat insofern auch rer ländlicher Räume infolge ungünstiger öko- eine Veränderung der gesellschaft lichen Quali- nomischer, demographischer und infrastruktu- fi kationsstruktur hervorgerufen, weil den noch reller Entwicklungen“ diskutiert (BBSR 2012). eher schlecht ausgebildeten Kohorten besser ge- Die Beachtung und Analyse regionaler Unter- bildete nachfolgen. Die Höherqualifi zierung der schiede und ihres Wandels sind von erheblicher Bevölkerung hat das Verhältnis der Bildungs- Bedeutung, wenn es darum geht die Kontexte schichten zueinander verändert – es kam zu der Lebenssituationen von Menschen in der einer ‚Umschichtung nach oben‘ (Geißler 2014: zweiten Lebenshälft e angemessen zu beschrei- 342). Insgesamt verlief die Bildungsexpansion in ben (Wiest, Nowossadeck, & Tesch-Römer beiden deutschen Staaten sehr ähnlich, mit dem 2015). Unterschied dass sie in der DDR früher begann und dort ein größerer Personenkreis davon pro- fi tieren konnte. 1.3.5 Wandel von Bildung und Als Ursachen für die Bildungsexpansion Kultur werden einerseits wachsende Bildungsbedarfe genannt: Fortschritte in Wissenschaft und Tech- Bildung stellt in modernen Gesellschaft en eine nik erfordern entsprechend qualifi zierte Ar- zentrale Ressource für Lebenschancen dar. beitskräft e. Andererseits wird das menschliche Neben der Funktion der Platzierung eines In- Streben nach Statussicherheit und Aufstieg als dividuums innerhalb der gesellschaft lichen Triebfeder der Bildungsexpansion angesehen. Hierarchie hat Bildung auch eine Auslese- und In der Folge der Bildungsexpansion kommt es Selektionsfunktion. Allerdings wirkt diese nicht zu einem Wachstum von Wirtschaft und Wohl- nur über Leistung, sondern auch nach sozialen stand. Die mit der Bildungsexpansion einherge- Merkmalen. Insofern beeinfl usst Bildung die hende Demokratisierung im Sinne einer wach- vertikale soziale Mobilität, den Zugang zu Le- senden kritischen Refl exion politischer und benschancen und verursacht Ungleichheiten gesellschaft licher Vorgänge führt zu stärkerer über den gesamten Lebensverlauf hinweg (z. B. politischer Partizipation und Teilhabe. Dies zeigt Ferraro, Shippee, & Schafer 2009). Veränderun- sich zum Beispiel am Entstehen einer Demons- gen im Zugang zu Bildung und in der Qualifi - trationskultur oder der Organisation von Bür- kationsstruktur einer Gesellschaft sind also von gerinitiativen. Soziale Ungleichheiten zwischen besonderer Bedeutung, wenn es um die Voraus- den Geschlechtern verringern sich, indem Frau- setzungen für Integration und Teilhabe Älterer en zunehmend ökonomisch eigenständig und geht. unabhängig werden. Mit der Bildungsexpansi- Die in beiden deutschen Staaten seit den on geht auch ein Wertewandel einher: Höhere 1950er Jahren stattfi ndende Bildungsexpansion Bildung führt zu höherer Individualisierung, ist eines der deutlichsten Phänomene des sozi- einer Freisetzung aus traditionellen Normen alen Wandels. Im Zuge der Bildungsexpansion und zu einer Pluralisierung im Wertebereich. kam es zu einem massiven Ausbau der sekun- Postmaterielle Werte wie Selbstverwirklichung, dären und tertiären Bildungsbereiche – mit der Lebensqualität und Autonomie sind handlungs- Folge, dass Personen länger im Bildungssystem leitend und führen zu einer Diff erenzierung der verweilen und ein größerer Anteil der Bevöl- Formen des privaten Zusammenlebens. Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 21 Die Bildungsexpansion hat aber auch eine spielsweise in Filmen, Dokumentationen oder paradoxe Situation hervorgebracht: Von ihr ha- in der Werbung. Selbst wenn eher angstbesetzte ben zwar Kinder aus allen Bevölkerungsschich- Th emen – wie Krankheit, Pfl ege und Demenz – ten profi tiert, allerdings sind die Bildungschan- ebenfalls thematisiert werden, wird zunehmend cen weiterhin schichtspezifi sch ungleich verteilt. ein Bild eines aktiven und fi tten Alters transpor- Zwar erreichen benachteiligte Schichten inzwi- tiert. Individuelle Altersbilder, das heißt Sicht- schen häufi ger ein mittleres Bildungsniveau. Die weisen auf das eigene Älterwerden, sind somit Chancen auf eine höhere Bildung sind jedoch auch dem sozialen Wandel ausgesetzt. Durch verstärkt schichtspezifi sch. eine steigende Zahl von aktiven und fi tten älte- Der sozial strukturierte Zugang zu Bildung ren Aktionsträgern in der Gesellschaft ist bereits sorgt nicht nur in frühen Lebensphasen für ein Wandel hin zu positiveren Altersbildern zu ungleich verteilte Lebenschancen, sondern er verzeichnen (Wurm & Huxhold 2012). wirkt auf unterschiedliche Weise bis ins Alter Die Förderung eines positiven Altersbilds in verschiedenen Lebensbereichen nach. Zu- ist nicht nur für individuelle Lebensläufe son- nächst eröff net eine gute Ausbildung Zugang zu dern auch für die Prävention von Altersdis- Berufen mit höherem Einkommen und schließ- kriminierung ein wichtiges Handlungsfeld. lich besseren materiellen Lagen im Rentenalter Gerade wenn die Potenziale einer alternden Ge- sowie der Möglichkeiten zu privater Vorsorge sellschaft genutzt werden sollen, ist es wichtig, (Motel-Klingebiel et al. 2010). Vermittelt über Altersdiskriminierung entschieden entgegen- das Wissen über vorteilhaft e Gesundheitsver- zuwirken. Eine aktive Lebensphase nach dem haltensweisen oder allgemeine Arbeits- und Ruhestandsübergang und eine damit verbun- Lebensbedingungen wirkt Bildung auch auf dene postmaterialistische Werteentwicklung die gesundheitliche Situation im Alter (Wurm, hin zu Selbstverwirklichung bis ins hohe Alter Schöllgen, & Tesch-Römer 2010). Ehrenamt- können jedoch auch mit Konfl ikten zwischen liches Engagement und unterstützende soziale den Generationen verbunden sein. Während ein Netzwerke sind in höheren Bildungsschichten Generationenkonfl ikt in den 1960er Jahren eher häufi ger zu fi nden (Fiori, Smith, & Antonucci in unterschiedlichen Werthaltungen begründet 2007; Naumann & Romeu Gordo 2010). Nied- war, ist heute eher eine Auseinandersetzung um rigere Bildung geht mit brüchigeren privaten verteilungspolitische Fragen bis hin zur Ableh- Biografi en einher – z. B. Scheidungen sind hier nung des ‚Generationenvertrags‘ zu erwarten häufi ger. Andererseits sind insbesondere höher (z.  B. Hollfelder 2012). Damit verbindet sich Gebildete häufi ger kinderlos und können daher möglicherweise auch ein Wandel von Einstel- auf andere Weise mit reduzierten familialen Le- lungen zur privaten beziehungsweise staatlichen benssituationen im Alter konfrontiert sein. Alterssicherung. Aufgrund der zu erwartenden Auch die Kultur und Werte einer Gesellschaft zahlenmäßig kleineren Kindergeneration und sind vom sozialen Wandel betroff en. Gerade die politischer Maßnahmen hin zu mehr priva- wachsende Zahl an älteren Menschen mit guter ter Vorsorge ist ein Wandel hin zur Befürwor- Gesundheit prägt durch ihre Partizipation in- tung von privater Alterssicherung zu erwarten. dividuelle und gesellschaft liche Werthaltungen Gleichzeitig sollten diese Einstellungen von fa- sowie die Wahrnehmung von älteren Menschen miliären Hintergründen und fi nanziellen Res- mit. Ältere Menschen und Th emen rund um sourcen der Personen abhängen. das Alter sind zunehmend medial präsent, bei- 22 Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 1.4 Vielfalt und Ungleichheit in der zweiten LebenshälŌ e Ältere Menschen sind keineswegs eine homoge- wirksam. Allerdings ist fraglich, wie stabil sozi- ne Gruppe. Die Lebenssituationen und Lebens- ale Ungleichheit in der zweiten Lebenshälft e ist. umstände in der zweiten Lebenshälft e sind viel- fältig und unterschiedlich – das Alter hat viele – Die Th ese der ‚Kontinuität‘ geht davon aus, verschiedene Gesichter. Vielfalt betrifft zunächst dass soziale Ungleichheiten im Laufe des Le- nur die Feststellung, dass es Unterschiede zwi- bens bestehen bleiben. Menschen starten von schen Menschen gibt, ohne diese Unterschiede unterschiedlichen Ausgangspositionen und zu bewerten. Im Gegensatz dazu liegt soziale die früh im Leben festgelegten Unterschiede Ungleichheit vor, wenn Unterschiede mit Be- verändern sich bis ins hohe Alter nicht. nachteiligungen bzw. Bevorzugungen verknüpft sind. Im Fall der sozialen Ungleichheit gibt es – Die Th ese der ‚Angleichung‘ besagt, dass also eine Bewertung der Vielfalt: Unterschiede bestehende Ungleichheiten in späteren Le- können als Benachteiligung oder Bevorzugung bensphasen abgemildert werden können gewertet werden. Wird etwa eine gesellschaft li- – beispielsweise durch sozialstaatliche Rege- lungen, die in späteren Lebensphasen stärker che Gruppe beim Zugang zu erstrebenswerten Gütern oder Positionen benachteiligt, eine an- greifen als in früheren Lebensabschnitten. dere gesellschaft liche Gruppe aber bevorzugt, so wird von sozialer Ungleichheit gesprochen. – Die Th ese der ‚Diff erenzierung‘ geht dagegen Allgemein gesprochen entsteht soziale Un- von einer weiteren Verstärkung der sozialen Ungleichheit im späteren Lebenslauf aus. Ri- gleichheit, wenn bestimmte soziale Positionen mit Vor- oder Nachteilen verknüpft sind (Solga, siken und Ressourcen kumulieren im Laufe Berger, & Powell 2009). Zum Beispiel kann der des Lebens. Personen mit guten Ausgangsbe- Zugang zum Arbeitsmarkt sozial ungleich ver- dingungen (etwa einer guten Bildung) wer- teilt sein: Ältere Menschen, Frauen, Menschen den mit hoher Wahrscheinlichkeit anregen- de Berufe ergreifen und ein auskömmliches mit geringer Bildung und Menschen aus ländli- chen Regionen sind beim Zugang zum Arbeits- Einkommen haben, während Personen mit markt benachteiligt (im Vergleich zu jüngeren schlechten Ausgangsbedingungen im weite- Menschen, Männern, Menschen mit höherer ren Lebensverlauf mit Belastungen und Risi- Bildung sowie Menschen aus städtischen Regi- ken konfrontiert sind. onen). Mit der Position auf dem Arbeitsmarkt wiederum sind zum Beispiel Einkommenshöhe, – Die Th ese der ‚Altersbedingtheit‘ geht davon Ansehen und Integration in soziale Netzwerke aus, dass sich die Determinanten für soziale verbunden. Daher können das Alter, das Ge- Ungleichheit über den Lebenslauf verändern. schlecht, die Bildung oder der Wohnort einer Im Alter werden dieser Th ese nach bestimm- te Gruppenzugehörigkeiten bedeutsam für Person Determinanten von sozialer Ungleich- heit sein. eine bessere oder schlechtere Position im so- Bei einer Betrachtung der unterschiedlichen zialen Gefüge. und möglicherweise ungleichen Lebenssituatio- nen ist es wichtig zu berücksichtigen, dass Men- Für die Analyse von sozialer Ungleichheit in späteren Lebensphasen ist zudem zu beachten, schen in der zweiten Lebenshälft e bereits ein erhebliches Stück ihres Lebens gelebt haben und dass unterschiedliche Ungleichheitsmerkmale mit entsprechend unterschiedlichen Vorausset- zusammenwirken können. Bereits länger be- stehende Ungleichheiten können im Alter von zungen ins Alter kommen. Soziale Ungleichheit beginnt nicht erst in der Lebensphase Alter, neuen Ungleichheitsfaktoren möglicherweise überlagert oder verstärkt (‚Intersektionalität‘) sondern ist in der Regel schon früh im Leben werden. So sind einerseits Kumulationseff ekte Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 23 denkbar, die zu einer weiteren Verstärkung von Altersgruppenunterschieden im Kohortenver- sozialer Ungleichheit im Alter führen können, gleich einnehmen. Ein Beispiel hierfür: Erleben andererseits kann es zu einer Verlagerung weg später geborene Kohorten erst in einem höheren von materiellen hin zu gesundheitlichen oder Lebensalter funktionale Einschränkungen, so sozialen Dimensionen von Ungleichheit kom- könnte dies auf die Kompression der Morbidität men (Backes & Clemens 2013). hinweisen, also das Auft reten von Erkrankun- Das vorliegende Buch soll auch die Frage gen in einem sich verkürzenden Abschnitt am beantworten, wie die Chancen für soziale Teil- Lebensende. Ein weiteres Beispiel ist der Über- habe und Integration in der zweiten Lebens- gang in die Großelternschaft : Wenn Menschen hälft e nach individuellen, sozialstrukturellen im Jahr 2014 die Großelternschaft in einem hö- und räumlichen Voraussetzungen verteilt sind. heren Alter erleben als dies im Jahr 1996 der Fall Zentral sind dabei Unterschiedlichkeiten und war, so deuten sich hier Folgen von sich wan- Ungleichheiten zwischen gesellschaft lichen delnden Familiengründungsmustern an. Die Gruppen, die sich an den Kategorien Alter, Ge- Kinder der (werdenden) Großeltern entschlie- schlecht, Bildung und Region festmachen. ßen sich später, selbst eine Familie zu gründen und Kinder zu haben. 1.4.1 Alter 1.4.2 Geschlecht Die zweite Lebenshälft e wird im DEAS als die Altersspanne zwischen 40 und 85 Jahren kon- Das Geschlecht ist über den gesamten Lebens- zeptualisiert. Im Rahmen dieses Buches wer- lauf zentral für soziale Ungleichheit (Backes den somit sowohl die Lebenssituationen von 2007; Geißler 2014). Unabhängig von den indi- Personen mittleren Alters, von Menschen rund viduellen Entscheidungen, die Frauen und Män- um das Ruhestandsalter und von Personen an ner im Verlauf ihres Lebens treff en, gibt ihre der Schwelle zur Hochaltrigkeit gleichermaßen Geschlechtszugehörigkeit „strukturierte Wege betrachtet. Insofern dient die Zuordnung zu be- durch die Sozialstruktur“ vor (Krüger 2009: stimmten Altersgruppen einer Diff erenzierung 448). Auch Veränderungen und Entwicklungs- von Lebensphasen, die jeweils mit spezifi schen verläufe in der Lebensphase Alter werden von Rollenanforderungen (z.  B. Erwerbstätigkeit) der Geschlechtszugehörigkeit geprägt („ageing versehen sind. In der querschnittlichen Betrach- is a gendered process“, Arber & Ginn 1991:2). tung eines historischen Zeitpunktes zeigen sich Soziale Ungleichheiten zwischen älteren anhand der Altersgruppe also zunächst die über Männern und Frauen sind wesentlich durch altersspezifi sche Rollenerwartungen verteilten die ungleiche Verteilung von bezahlter Er- gesellschaft lichen Güter und die daran geknüpf- werbs- und unbezahlter Sorgearbeit in früheren ten Ungleichheiten (z.  B. Zugang zu Arbeits- Lebensphasen verursacht (Simonson, Romeu markt, Einkommen). Gordo, & Kelle 2014). Aufstiegsbarrieren für Eine weitere Perspektive ergibt sich, wenn Frauen lassen sich an der geschlechtsspezifi - über das Alter beziehungsweise den Geburts- schen Sozialisation, an patriarchalen Struk- zeitpunkt Altersgruppen im Sinne von zusam- turen innerhalb der Arbeitswelt und an der mengefassten Geburtsjahrgängen (‚Kohorten‘) geschlechtsspezifi schen innerfamilialen Ar- gebildet werden. Die jeweils vorherrschenden beitsteilung festmachen (Geißler 2014). Ältere historischen Gegebenheiten (z.  B.  Verhältnis Frauen sind im Ergebnis fi nanziell schlechter der Geschlechter) und Ereignisse (z.  B. Krieg, abgesichert als Männer, da sie im Erwerbsleben Wiedervereinigung), die den Lebenslauf einer geringere Einkommen erzielen (durch Unter- Kohorte prägen, werden dann als Erklärungs- brechungen, Teilzeit, etc.), eher prekär über die muster für soziale Ungleichheiten (z. B. Zugang Ehe abgesichert sind und schließlich auch in al- zu Bildung, Gesundheitszustand) herangezo- len drei Säulen der Rentenversicherung benach- gen. Die für dieses Buch zentrale Perspekti- teiligt sind. ve des sozialen Wandels lässt sich anhand von 24 Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey Allerdings verfügen Frauen, auch im Alter, schon früh im Lebensverlauf (Stocké, Blossfeld, in der Regel über größere und vielfältigere so- Hoenig, & Sixt 2011). Insofern gelten Bildungs- ziale Netzwerke als Männer und stehen auch ungleichheiten als besonders stabil über die Zeit häufi ger in Kontakt zu Menschen in ihrem und über den Lebenslauf. Netzwerk (Antonucci & Akiyama 1987). Zudem Ungleiche Lebenssituationen in der zweiten haben Frauen mehr Unterstützungspotenzial, Lebenshälft e können auf Bildungsunterschiede beispielsweise mit Blick auf Rat oder Trost geht als eine wichtige Ursachenkette über den Le- (Huxhold, Mahne, & Naumann 2010). Frauen benslauf zurückgeführt werden – keine andere verfügen somit über mehr soziale Ressourcen, Variable kann Unterschiede beim Einkommen um andere Benachteiligungen auszugleichen und subjektivem Wohlbefi nden im Alter besser oder zu puff ern. Schließlich haben Frauen zwar vorhersagen als die Bildung (Farkas 2003). Da- eine höhere Lebenserwartung, sind aber häufi - bei besteht der Zusammenhang zwischen (früh ger von chronischen Krankheiten und Pfl egebe- im Lebenslauf erworbener) Bildung und sozia- dürft igkeit betroff en (Backes 2007). ler Ungleichheit in späteren Lebensphasen nicht Im vorliegenden Buch wird daher auch der allein über den Zugang zu Berufen, Einkommen Frage nachgegangen, in welchen Lebensberei- und Prestige. Mit Bildung (‚Humankapital‘) chen es in den letzten beiden Jahrzehnten zu gehen weitere günstige Ressourcen einher, wie einer Veränderung von Geschlechterunterschie- kulturelles (z. B. Umgangsformen) und soziales den gekommen ist. Die gestiegene Erwerbspar- (z.  B.  hilfreiche soziale Netzwerke) Kapital, die tizipation und Bildungsbeteiligung von Frauen nicht nur Einkommenschancen sondern auch spielt dabei für verschiedene Lebensbereiche interpersonale Kompetenzen (z.  B. Kontroll- eine zentrale Rolle. Dabei kann auch deutlich überzeugungen, Selbstwirksamkeit) und einen werden, ob sich, bei einer Verringerung von gesunden Lebensstil begünstigen. So zeigt sich Geschlechtsunterschieden, die Frauen eher den beispielsweise, dass mit höherer Bildung die Männern angleichen oder ob – umgekehrt – die Beteiligung am Erwerbsleben auch in späteren Lebenssituationen von Männern denen von Lebensphasen steigt (Büttner 2005) – damit Frauen ähnlicher werden. zentral verbunden ist die fi nanzielle Situation. Zudem belegen zahlreiche Studien, dass bei Personen mit niedrigerer Bildung bestimmte 1.4.3 Bildung Krankheiten, Beschwerden und Risikofaktoren häufi ger vorkommen (Lampert & Kroll 2014; Neben Alter und Geschlecht ist Bildung eine von dem Knesebeck & Mielck 2009) und dass zentrale Determinante sozialer Ungleichheit, sie zudem höhere Sterblichkeitsraten aufweisen in modernen Gesellschaft en stellt der erreichte (Becker 1998). Schließlich gehen mit höherer Bildungsgrad sogar die wichtigste Dimension Bildung auch größere und heterogenere sozia- dar. Chancenungleichheiten machen sich ganz le Unterstützungsnetzwerke einher (Fiori et al. wesentlich am Bildungsniveau fest: Mit höherer 2007). Bildung ist ein leichterer Zugang zu gesellschaft - lichen Positionen, zu Mitgestaltungsmöglichkei- ten, guten Arbeits- und Wohnverhältnissen so- 1.4.4 Region wie hilfreichen sozialen Netzwerken verbunden. In Deutschland ist die soziale Herkunft ent- In Deutschland gibt es erhebliche regionale Un- scheidend für den Bildungserfolg in Kindheit, terschiede hinsichtlich Wohlstand, Infrastruk- Jugend und jungem Erwachsenenalter und turausstattung und Bevölkerungszusammen- damit für den Bildungsstatus, der im weiteren setzung (BBSR 2012). Allerdings stehen für die Lebensverlauf Möglichkeiten erschließen kann Erfassung räumlicher Disparitäten wenige gut (oder nicht). Zusätzlich zu primären Eff ekten ausgearbeitete Konzepte zur Verfügung, wie sie wie schichtspezifi scher Sozialisation und kog- etwa in der Analyse von Sozialstruktur Verwen- nitiven Kompetenzen wirken sekundäre Eff ek- dung fi nden (z. B. Schicht oder Milieu). Insofern te wie elterliche Wünsche und Entscheidungen sind angemessene Indikatoren oder Erhebungs- Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey 25 instrumente für die Erfassung von Raum als schen alten und neuen Bundesländern immer Ungleichheitsdimension noch nicht vorhanden noch relevant. Insbesondere mit Blick auf die (Barlösius & Neu 2008). wirtschaft liche Entwicklung zeigt sich, dass es Eine wichtige Unterscheidung bei der Be- zwischen Ost- und West-Deutschland erheb- schreibung regionaler Vielfalt ist die Diff eren- liche regionale Unterschiede gibt (Maretzke zierung von städtischem und ländlichem Raum 2006). Mit Blick auf die materielle Lage kön- beziehungsweise verschiedener siedlungsstruk- nen Geschlechtsunterschiede durch regionale tureller Gebietstypen (Ballungsräume, verstäd- Disparitäten verstärkt werden: Frauen in den terte Räume, ländliche Räume). In Ballungsräu- alten Bundesländern haben wesentlich häufi - men kommt es zu räumlichen Konzentrationen ger diskontinuierliche Erwerbsbiografi en und von Menschen und damit auch zu einer Konzen- arbeiten häufi ger Teilzeit als in den neuen Bun- tration sozialer und wirtschaft licher Aktivitäten. desländern. Die in den neuen Bundesländern Den verdichteten Kerngebieten und suburba- zwischen Männern und Frauen deutlich ähn- nisierten Räumen stehen dünn besiedelte und licheren Erwerbsbiografi en führen dazu, dass häufi g strukturschwache Regionen gegenüber. weibliche Altersarmut in Westdeutschland ein Diese Gebiete werden oft als ländlicher Raum viel stärker ausgeprägtes Phänomen ist. Auch bezeichnet. Über Unterschiede in der Sied- die Lebensverläufe von Menschen in Ost- und lungsdichte weisen unterschiedliche Regionen West-Deutschland, beispielsweise mit Blick auf in Deutschland ungleiche Ausstattungen mit den Zeitpunkt familialer Übergänge, auf Bil- Arbeitsplätzen, Dienstleistungen, Infrastruktur dungsunterschiede, auf Werthaltungen sowie sowie sozioökonomischen und demografi schen auf die Erfahrung von Arbeitslosigkeit. Zudem Merkmalen auf. vollziehen sich die demografi sche Alterung, Obwohl mittlerweile 25 Jahre seit der Prozesse der Zu- und Abwanderung und der deutsch-deutschen Wiedervereinigung vergan- wirtschaft lichen Prosperität regional sehr unter- gen sind, ist die regionale Diff erenzierung zwi- schiedlich. 1.5 Ausblick auf das Buch Im vorliegenden Buch wird der Wandel von Das Buch nutzt die thematische Vielfalt des Teilhabe und Integration in der zweiten Lebens- DEAS und umfasst sieben Oberthemen: Er- hälft e in verschiedenen Lebensbereichen darge- werbstätigkeit und Ruhestand, Materielle Lage, stellt. Betrachtet wird der Zeitraum von 1996 bis Gesundheit und Wohlbefi nden, Partnerschaft 2014, also beinahe zwei Jahrzehnte des Wandels. und Generationenbeziehungen, Unterstützung Dabei werden nicht allein allgemeine Trends und soziale Integration, Wohnung und Wohn- betrachtet, sondern auch gefragt, ob sich Unter- umfeld, Einstellungen und Diskriminierung, schiede und Ungleichheiten aufgrund von Alter, sowie Migrationshintergrund. Insgesamt um- Geschlecht, Bildung oder Region im sozialen fasst das Buch zum DEAS 2014 neben diesem Wandel verändert haben. Dies bedeutet, dass Einleitungskapitel und einem Kapitel zu Daten im vorliegenden Buch nicht allein Unterschiede und Methoden 22 inhaltliche Kapitel. Das Buch berichtet werden, sondern auch Ähnlichkeiten schließt mit einem politikorientierten Fazit. und Annäherungen zwischen Gruppen darge- stellt werden. Mit einer geschärft en Wahrneh- mung für soziale Diff erenzierungen und Un- gleichheiten lassen sich Grenzen von Teilhabe und Integration erkennen und politische Hand- lungsbedarfe ableiten. 26 Altern im Wandel: Zwei Jahrzehnte Deutscher Alterssurvey Literatur Antonucci, T. C., & Akiyama, H. (1987). An examinaƟ on M. Putney & D. Gans (Hrsg.) Handbook of theories of of sex diī erences in social support among older men aging (Bd. 22, S. 413-433). New York: Springer. and women. Sex Roles, 17(11/12), 737-749. Fiori, K. L., Smith, J., & Antonucci, T. C. (2007). Social net- Arber, S., & Ginn, J. (1991). Gender and later life : a socio- work types among older adults: A mulƟ dimensional logical analysis of resources and constraints. London: approach. The Journals of Gerontology Series B: Psy- Sage. chological Sciences and Social Sciences, 62(6), P322- P330. Backes, G. M. (2007). Geschlechter - Lebenslagen - Al- tern. In: U. Pasero, G. M. Backes & K. R. Schroeter Geißler, R. (2014). 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Altern im WandelUnpaywall

Published: Oct 14, 2016

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